Seit vierzehn Tagen geht eine Säuberungswelle durch die Tschechoslowakei, deren Umfang an die Massenverhaftungen nach dem kommunistischen Staatsstreich im Februar 1948 erinnert. Schon in den ersten Tagen sind offenbar mehr als 10 000 Personen in die Gefängnisse und Arbeitslager eingeliefert worden, aber immer noch kündigt die kommunistische Presse weitere Maßnahmen gegen die „Staatsfeinde“ an, die „aus ihren Schlupfwinkeln gestöbert“ und einer „produktiven Arbeit zugeführt“ werden sollen. Aus den recht uneinheitlichen Nachrichten aus Prag geht hervor, daß es sich diesmal um eine Säuberung auf ganzer Breite handelt. Neben den Verhaftungen, die in erster Linie Geschäftsleute, kleine und größere Intellektuelle und Dorfhonoratioren betreffen, sind gleichzeitig in großem Umfang Entlassungen in den Ministerien erfolgt, mit denen auch eine neue Überprüfung der Armee einhergeht. Über Verhaftungen im kommunistischen Funktionärkorps sind zwar noch keine amtlichen Meldungen herausgegeben worden, es spricht aber alles dafür, daß sie erfolgt sind, ja, daß sie möglicherweise den Kern der ganzen Aktion bilden.

Ein allgemeines Aufwaschen ist im Gange, doch ist noch nicht ersichtlich, welche Gruppe des Regimes dabei die Feder führt. Sind es die Vorkämpfer der Moskauer Linie, die zur Vernichtung ihrer Gegner ansetzen, oder sind es die „Titoisten“, die in dieser polizeilichen Orgie ihre Linientreue nachweisen und die Gefahr ersticken wollen, von der sie sich nach den verschiedenen, deutlich auf Prag weisenden Aussagen des Rajk-Prozesses bedroht fühlen? Man wird darüber nie Klarheit gewinnen, da die Unterlegenen am Ende immer als Titoisten und Trotzkisten bezeichnet werden, und außerdem auch noch selbst verwirrende Geständnisse abzulegen pflegen. Im übrigen sind sie natürlich alle ohne Ausnahme potentielle Titoisten – es gibt wohl in Prag, wie in Budapest oder Belgrad keinen Funktionär, der sich über die freche Ausbeutung seines Landes durch die Sowjets nicht abfällig geäußert hätte – aber es ist in den Satellitenländern geradezu der Inhalt der Innenpolitik, nämlich der Auseinandersetzung der kommunistischen Cliquen, sich das gegenseitig vorzuwerfen und die Zustimmung des Moskauer Politbüros zu gewinnen, um dann die Gegner im Zuge einer Säuberung zur Strecke zu bringen. Bisher ist das immer irgendwie gelungen, mit der Ausnahme des Falles Tito–Hebrang. Als nämlich Tito nach altem Brauch seine Minister Hebrang und Zujowitsch für Trotzkisten und amerikanische Spione erklärte und einsperrte, erlangte er die Zustimmung des Kremls nicht, der umgekehrt die Tito-Clique durch die Hebrang-Clique zu ersetzen wünschte. Daraus entwickelte sich die Krise, die hinterher auf das Feld der Ideologie getragen wurde.

Ob die jetzige Säuberung in der Tschechoslowakei nun in erster Linie innerkommunistischen Auseinandersetzungen dient, oder ob sie, als Begleitmusik zu dem dieser Tage im Parlament beschlossenen Kirchengesetz, das die Priester zu Staatsbeamten macht, ein gewaltiges Einschüchterungsmanöver ist – sie vernichtet jedenfalls zahllose Existenzen und steigert das Gefühl der Unruhe und Unsicherheit bei denen, die nicht