Die Europäer sind den USA zu uneuropäisch, zumindest nicht europäisch genug. Denn Marshall-Hilfe nehmen sie wohl gern, um sich selbst entwickeln zu können, um sich möglichst günstige Startbedingungen für „später“ zu verschaffen – geben aber wollen sie nicht. Aber geben müßten sie jetzt, wenn nach Ablauf der Dollarhilfe wirklich ein wettbewerbsfähiges, ein an Preisen und nicht an hemmenden güterwirtschaftlichen Kontingenten orientiertes Europa vorhanden sein soll.

Was nützt es nämlich, an das ERP hohe Ansprüche zu stellen, um beispielsweise die eigene Stahlkapazität auszuweiten (siehe Frankreich, Italien, England oder Holland), wenn nach den Investitionen der Abnehmer fehlt, weil dann der Bedarf (planwirtschaftlich gedacht) nicht gegeben ist – oder weil man (in der marktwirtschaftlichen Argumentation) nicht konkurrenzfähig ist? Nun, einen Ausweg aus den Fehlinvestitionen wird es auch dann geben: man wird subventionieren oder mit Schutzzöllen arbeiten oder Dumping betreiben – mit einem Wort, die wirtschaftlichen Relationen werden wieder einmal mehr verzerrt werden.

Es gibt Einsichtige, in den USA wie in Europa, die diese Gefahren sehen. Was tut man? – Da ist, nicht ohne Winke mit dem Dollarsack, das neue Ziehungsrechte-Verfahren zustande gekommen. Hier ist ein Ansatz, den strikten Bilateralismus, das eng-zweiseitige Vertragssystem zu durchbrechen. (Siehe „Die Zeit“, Nr. 41).

Zum zweiten legt jetzt ERP-Verwalter Hoffman eine strengere, eine auf das europäische Maß bezogene Eile bei der Freigabe von Gegenwertfonds an. Er plant also gewissermaßen – alle möglichen Planungsfehler eingeschlossen – die europäische Neuinvestition. Hier ist sein Einfluß, abgesehen von den direkten Warenlieferungen, auf Europas künftigen Werdegang am größten. Man mache sich klar, was es heißt, wenn beispielsweise 40 Millionen Franzosen außer ihrer heimischen „normalen“ Investitionsrate 257 Mrd. ffrs. oder 988 Mill. $ im ersten Jahr des europäischen Wiederaufbauprogramms aus den Gegenwerten zur Verfügung hatten, oder England mit 184 Mill. £ (742 Mill $) oder die neun Mill. Holländer mit 546 Mill. hfl. (206 Mill. $), die zwei Millionen Dänen mit 303 Mill. dkr. oder selbst wir in der Bundesrepublik mit 548 Mill. DM – wobei unsere alliierten Planverwalter ein Gutteil hiervon zur politischen Investition, zur Bezahlung der Luftbrücke, rein wirtschaftlich gesehen also zum Konsum, verwandten.

Zum dritten hat man auf der zweiten Zollkonferenz in Annecy sich tendenziell für die Meistbegünstigung entschieden und viele bilaterale Erleichterungen sich gewährt. Allzuhoch sind die Ergebnisse aber nicht zu veranschlagen. Denn noch halten sich diese 147 Verträge, die hier nach langem Feilschen zustande kamen, in dem üblichen zweiseitigen Rahmen; von Multilateralität kein Wort. Und nur 10 v. H. des Welthandelsvolumens werden davon berührt. Vorteilhafter wird sich dagegen auswirken, daß Truman ermächtigt ist, zur Erleichterung des europäischen Exports nach den USA, Zollsenkungen vorzunehmen.

Und das alles geschah vor der Abwertung, zu einer Zeit also, als außer Dollars, Schweizer Franken, Belgischen Franken und Escudos keine Währung in Europa gefragt, war, beim Handel der Weichwährungsländer untereinander oder mit dritten dafür aber kontingentiert, kompensiert oder auch international „geschoben“ wurde. Ändert sich jetzt etwas, da die Währungsrelationen realistischer geworden, sind?

Natürlich spielt sich vieles ein. Auf den freien Märkten besteht schon jetzt die Tendenz zu einem Welthandelspreis. Aber, wie war es doch mit Bretton Woods, als man „endgültig“ die Paritäten festgesetzt hatte? Hatte man da etwas anderes getan, als das Wechselkurs-Barometer auf „Schön Wetter“ festgenagelt, obwohl es hie stürmte und da wirklich eitel Sonnenschein war, mit der Folge, daß sich dieses Durcheinander von ganz hart, fast weich und weich der Währungen mit dem zwangsläufigen Korrelat der Güterkontingentierung erst herausbildete? Nun, man hat vier Jahre ausgiebig lernen können. Ob aber heute dies eine Medikament, das Abwertung heißt, ausreicht, eine Abwertung zudem, mit der eine Konvertierbarkeit noch nicht verbunden ist?