Von E. Villantieri

Mailand, Mitte Oktober

Im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern hat Italien seine Vorkriegsproduktion generell noch nicht wieder erreicht. Im industriellen Abschnitt hofft man, den Anschluß noch im laufenden ERP-Jahr zu finden. Die landwirtschaftliche Erzeugung dürfte dagegen auch Mitte 1950 noch etwas unter dem Vorkriegsstande liegen. Im einzelnen sieht das Wiederaufbauprogramm für 1949/50 vor: Steigerung der Stahlproduktion um 4,6 v. H. von 2,2 Mill. t auf 2.3 Mill. t, Ausbau der Kapazität der Ölraffinerien um 60 v. H. von 3,2 Mill. t auf 5,1 Mill. t und Steigerung der Energieerzeugung um 6 v. H. von 23,4 Md. kWh auf 25 Md. kWh. Gleichzeitig soll die Getreideproduktion von 9,14 Mill. t auf 9,94 Mill. t erhöht werden.

Zur Verbesserung der „unsichtbaren Posten“ der Zahlungsbilanz, die in den Vorkriegsjahren den Ausgleich der seit jeher passiven Handelsbilanz ermöglichten, ist eine Steigerung der Einnahmen aus dem Touristenverkehr von 15 Mill. $ auf 45 Mill. vorgesehen – das „Heilige Jahr“ steht vor der Tür – und eine Verminderung der Prachtausgaben von 163,3 Mill. $ auf 152,4 Mill. Bei den sogenannten Auswandererrimessen rechnet man mit einer Erhöhung um 8,3 Mill. $ von 45 Mill. auf 53,3 Mill. Im letzten Vorkriegsjahre (1938) importierte Italien ohne Kolonien für etwa 11 Md. Lire und exportierte gleichzeitig für rund 8 Md. Lire. Die Differenz von 3 Mrd. wurde zu 60 v. H. mit Touristeneinnahmen, zu 22 v. H. mit Auswandererrimessen und zu 18 v. H. mit Frachteinnahmen ausgeglichen. Heute kann der Zahlungsbilanz-Ausgleich nur mit Hilfe des Marshall-Plans und der ausländischen Anleihen bewirkt werden.

Noch stärker als früher ist Italiens Wirtschaftslage heute außenhandelsabhängig. Während das Land vor dem Kriege etwa neun Zehntel seines Lebensmittelbedarfes aus eigenen Quellen deckte, müssen heute 21 v. H. des Getreides, 22 v. H. der Nahrungsfette und 8 v. H. des Fleischkonsums importiert werden. Größer noch ist die Auslandsabhängigkeit bei den industriellen Rohstoffen: 100 v. H. des notwendigen Erdöls, 79 v. H. der Kohle, 12 v. H. der Erze und Metalle, 98,5 v.H. der Baumwolle, 89 v. H. der Wolle und 47 v. H. des Holzes müssen aus dem Ausland eingeführt werden. Wie stark das Gesicht der italienischen Außenhandelsbilanz durch den Krieg verändert wurde, dafür nur ein Beispiel: Während das Land 1938 2,1 Mill. t Lebensmittel exportierte und 1,1 Mill. t einführte, ist das Verhältnis heute genau umgekehrt. Im letzten Jahre mußten 3.4 Mill. t importiert werden, denen eine Ausfuhr von nur 1,7 Mill. t gegenüberstand. Die Einnahmen aus der „unsichtbaren“ Ausfuhr aber wurden mehr als aufgewogen durch Ausgaben à conto „unsichtbarer“ Importe. Schwieriger noch wirkte sich für das Land mit passiver Handelsbilanz nach dem Kriege ein anderer Faktor aus: Die Preissteigerung für die einzuführenden Rohstoffe und der Preisrückgang für die italienischen Ausfuhrgüter. In anderen Worten heißt das, daß Italien nach dem Kriege zwar weniger importierte als 1938, dafür aber mehr bezahlen mußte, während auf der anderen Seite die Ausfuhren mengenmäßig weniger stark zurückgingen als wertmäßig.

Trotz dieser großen Schwierigkeiten hat der wirtschaftliche Wiederaufbau des Landes in den letzten Jahren erstaunliche Fortschritte gemacht. Er wurde dadurch erleichtert, daß das Land von Anfang an großzügigste amerikanische Hilfe erhielt, daß der Kern der industriellen Kapazität des Landes – das Industriedreieck Mailand-Turin–Genua – im wesentlichen unzerstört blieb, und daß der allgemeine Warenhunger dem Export eine ziemlich lange Periode erstklassiger Konjunkturgeschäfte ermöglichte. So kam es, daß die industrielle Produktion in Italien, die im letzten Kriegsjahre auf knapp ein Viertel des Standes von 1938 abgesunken war, 1946 schon wieder 52 v. H. ausmachte, ein Jahr später 76 V. H. erreichte und im vergangenen Jahre schon 88 bis 90 v. H. betrug. In der Landwirtschaft erreichte die pflanzliche Erzeugung 1948 bereits wieder 86,3 v. H. und die tierische 87,1 v. H. der Jahre 1934 bis 1939, trotz eines Kriegsverlustes von 15 v. H. der Rinder, 36 v. H. der Schweine, 41 v. H. der Schafe und 40 v. H. der Pferde.

Im Außenhandel wurden 1948 17,7 Mill. t importiert gegen 18,5 Mill. t im Jahre 1947 und 20,6 Mill. t im Jahre 1938, Die Exporte betrugen im letzten Jahre 3,8 Mill. t gegen 2 Mill. 1947 und 4,5 Mill. t im Jahre 1938. Wertmäßig machten die Importe im letzten Jahre 1,5 Md. $ aus gegen 593 Mill. im Jahre 1938, die Ausfuhren 1,1 Md. $ gegen 552 Mill. Wenn man berücksichtigt, daß die Kaufkraft des Dollars im internationalen Handel im vergangenen Jahre nur noch etwa die Hälfte derjenigen von 1938 betrug, lag der Wert der italienischen Einfuhren 1948 um 25 v. H. über dem Stand von 1938, während die Exporte erst 96 v. H. von 1938 erreichten. Während die Ausfuhr 1946 erst etwas über die Hälfte der in diesem Jahre tatsächlich getätigten Importe bezahlte, konnten 1948 bereits 71 v. H. der Einfuhren und im ersten Vierteljahr 1949 72 v. H. durch Ausfuhren abgedeckt werden. Und im ersten Halbjahr 1949 hat sich das Defizit der italienischen Handelsbilanz, das in der Vergleichszeit des Vorjahres noch 341,6 Mill. $ betragen hatte, immerhin auch auf 268,1 Mill. $ verringert.

Die Abwertungen Englands, Belgiens und u. a. der skandinavischen Länder dürften allerdings den italienischen Export in Zukunft noch in größere Schwierigkeiten bringen, als sie sich in letzter Zeit bereits bemerkbar machten. Schon vor der Abwertungswelle lagen die italienischen Ausfuhrpreise zum Teil bis zu 30 v. H. über den Weltmarktpreisen. Die allgemeine Ansicht geht deshalb dahin, daß die Regierung sich zuerst einmal mit gewissen Exportsubventionen aus der Klemme helfen wird und, wenn sich die Folgen der Abwertungen in den anderen Ländern besser beurteilen lassen, vielleicht doch – echt – abwerten dürfte.