Die seit langem unter der Oberfläche schwelenden Meinungsverschiedenheiten innerhalb der amerikanischen Wehrmacht sind weder durch den Verteidigungsminister Johnson noch durch die Änderungen des „nationalen Sicherheitsgesetzes“ erstickt worden. Im Gegenteil! Während die Öffentlichkeit bisher der Auffassung war, die Vereinheitlichung der Wehrmachtsteile scheitere an Prestigefragen, ist sie durch die zur Zeit stattfindenden Untersuchungen vor dem Wehrmachtskomitee des Repräsentantenhauses eines anderen belehrt worden. Es geht tun die Kriegführung der Zukunft. Hier stehen sich zwei Auffassungen gegenüber. Die eine Seite erklärt, daß ein Zukünftiger Krieg durch Massen Vernichtung mit Hilfe des schweren Bombers gewonnen werde, der über Meere und Kontinente hinweg auch Atombomben auf großräumige Ziele, wie Industriegebiete, Städte, Häfen, abwirft. Diese von der Luftwaffenführung vertretene Ansicht hat sich, wenn auch nicht ganz vorbehaltlos, beim Generalstab des Heeres durchgesetzt. Der Schwerpunkt der Luftrüstung der Vereinigten Staaten liegt daher auf der B-36, jenem interkontinentalen Bomber, der eine Bombenlast von 4,5 Tonnen über 16 000 Kilometer bei einer Geschwindigkeit von 560 Kilometer in der Stunde und einer Gipfelhöhe von mehr als 12 000 Meter tragen kann. Da eine B-36 etwa 4,7 Millionen Dollar kostet, handelt es sich also um ein Milliardenprogramm.

Die andere Seite, vertreten durch hohe Flaggoffiziere der Marine, argumentiert wenn es der Operationsplan der militärischen Führung der Vereinigten Staaten ist, den Gegner durch Massenvernichtung zu besiegen, so ist – ganz abgesehen von allen moralischen Bedenken gegen eine solche Art der Kriegführung – die Aussicht, nach einem gewonnenen Kriege auch den Frieden zu gewinnen, angesichts der verheerenden Zerstörungen in allen am Kriege beteiligten Ländern, so gut wie nicht vorhanden, Das beste Mittel, den Frieden zu gewinnen, sei daher, den Krieg zu verhindern. Das könne aber nur geschehen, wenn durch eine bisher nicht vorhandene, wirklich vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Wehrmachtsteile und durch Ausschöpfen aller Möglichkeiten jeder Waffengattung ein so wirksames Verteidigungsinstrument geschaffen werde, daß es auf den Feind tatsächlich abschreckend wirke. Die B-36 sei durch die technische Entwicklung der Nachkriegszeit längst überholt. Weder treffe es zu, daß sie in großen Höhen durch Radargeräte nicht geortet werdet, könne, noch sei es richtig, daß sie vor Zerstörerangriffen sicher sei. Im Gegenteil, die Luftstreitkräfte der Marine – sie sind ein Teil der Marine, der von der Luftwaffe vollkommen unabhängig ist – verfügten heute über Zerstörer, die die B-36 in allen Höhen erfolgreich angreifen könnten. Der geplante Einsatz von B-36 ohne Begleitschutz sei nicht nur ein alle Erfahrungen des letzten Krieges außer acht lassendes untragbares Risiko, er verhindere auch wegen des Fehlens der örtlichen Luftüberlegenheit im Zielgebiet einen gezielten Bombenwurf und verringere damit die Erfolgsaussichten auf ein unvernünftiges Maß. Demgegenüber sei etwa der schnell bewegliche moderne Flugzeugträger in der Lage, Bomber und Begleitschutz verhältnismäßig nahe an das Ziel heranzuführen und somit unter erträglichem Risiko einen erfolgversprechenden präzisen Angriff auf ein bestimmtes militärisches Ziel durchzuführen.

Es handelt sich also nicht mehr um dogmatische Fragen und auch nicht um eine „Meuterei“ der Admirale. Hier geht es um Entscheidungen, die nicht nur die Sicherheit der Vereinigten Staaten, sondert darüber hinaus die Zukunft der Welt berühren. Auch in Europa werden daher die derzeitigen Untersuchungen des Kongreßausschusses in Washington mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt. E. K.