In einem Interview wandte sich kürzlich der Autor von „Our town“, Thornton Wilder, gegen die Tyrannen der Phantasie: „Wir leben heute in einem Zeitalter der geistigen und seelischen Passivität. Die Massen erhalten Ideen, Legenden und Märchen in nie gekannter Fülle vorgesetzt, aber sie sind alle bereits vorgekocht und vorgekaut. Wir wissen heute zuviel. Unsere Phantasie wird vom Gedächtnis bedrängt, vom Wissen um die hundert Details der Geschichte, vom Wust privater Geschichten. Wir Dichter müssen wieder Seher werden, und unsere Zuhörer müssen die Kunst des Ahnens wiederfinden. Ich will, daß der Zuschauer oder vielmehr der Zuhörer mitarbeitet.“

Auch das in den Hamburger Kammerspielen aufgeführte Bühnenwerk „Das träumende Mädchen“ des Amerikaners Elmar Rice sprengt den konventionellen Bühnenrahmen und lenkt die individuelle Phantasie des Theaterbesuchers auf eigene Bahnen. Zwar bedient es sich akustischer und filmisch technischer Tricks, aber wie bei Wilder bleibt alles in Andeutungen, im Fluß zwischen Wirklichkeit und Phantasiegebilden. Dieses Kaleidoskop von Realität und Traum (vom magischen, auf den Hintergrund der Bühne projizierten flimmernden Spiel der Kristalle symbolisiert) beleuchtet vor allem das träumende Mädchen Georgina Allerton, ein alltägliches, amerikanisches Durchschnittsfräulein, aber eben nicht jenes Klischeebild mit dem Keep-smiling-Magazin-Lächeln, das in unsere Vorstellung von der Vermassung Amerikas paßt, nicht jenen vorgeformten Typ, sondern vage umrissen einen Menschen (unserer eigenen Einbildungskraft). Dieser Mensch ist jung und die Illusionen überwältigen ihn (Träumen, das heißt nach Gesetzen leben, die wir uns selber machen; die Wirklichkeit hat ihre eigenen Gesetze, denen wir unterworfen sind). Die Träume kreisen wie bei allen Backfischen der Welt um Liebe, allerdings mit typisch hausbackenen und altmodisch anmutenden Sehnsüchten nach Ehe und Kindern, Reichtum und Reisen. Salopp und ironisch, intellektuell-unsicher und deshalb frivol taucht der Befreier auf. zerstört die Illusionen und gewinnt das Mädchen, direkt und ohne Umschweife, Prototyp des „Modetyps“ Mann, von Hermann Lenschau sicher und mit Behagen interpretiert.

Alle diese zahlreichen Figuren um das träumende Mädchen – Hannelore Schroth verkörpert es mit Überzeugungskraft – sind Dutzendmenschen aus dem amerikanischen Alltag, von einem Dichter gesehen. Sie karikieren sich selbst, um über sich lächeln zu können, sie gebärden sich oberflächlich, um Tiefe zu vermeiden. Auch das Publikum erkennt sich häufig selbst – und lacht schallend. Witz und Pointen folgen rasch aufeinander, Esprit fast französischer Prägung. Und trotz des lockeren Rahmens weiß der Autor den schmalen Grad zwischen Komik und einem Augenblick der Ergriffenheit zu erreichen.

Die phantasievolle, geistreiche Regie von Otto Kurth offenbarte soviel begeisterte Freude am Theater und am humorvollen Unfug (Bühnenbilds Helmut Koniarsky), daß es eine Lust war, dieses Ensemblespiel zu sehen, obwohl der Anfang etwas schwer anlief und das genießerische Ausspielen besonders der Traumszenen einige Längen brachte (unvergessen ist die überwältigende Komik eines artistischen Schnarchers, die ein amerikanischer Film einmal als Gag verwandte, aber eine nicht artistische permanente Nieserin ist monoton und ohne Witz).

Herzlicher Beifall fiel in manche Szene und steigerte sich bis zum Schluß. Erika Müller