Cortisone – ein neues amerikanisches Mittel

Wenn wir von einem neuen Heilmittel hören, zeigt sich, daß wir Menschen doch gar nicht so schlecht sind, wie viele Zeichen der Zeit es uns scheinen lassen möchten. Die neuen Substanzen der Nebennierenrinde und der Hypophyse, deren Wirksamkeit gegen den Gelenkrheumatismus kürzlich in Amerika gefunden wurde, sind ein neues Wunder der Aufhebung von Schmerz und Leid durch den menschlichen Geist.

Das Wort Rheumatismus versetzt jeden Arzt in Schrecken. Denn unter diesem ursprünglich vom Symptom abgeleiteten Begriff verbirgt sich eine Unsumme von zum großen Teil ungeklärten Krankheiten, deren gemeinsames ihr oft chronischer, tückischer, nicht fest zu lokalisierender Charakter ist. Gemeinsame Ursachen verschiedener Krankheitsbilder und gleiche Krankheitsbilder verschiedener Ursache bilden das Band, das den Begriff Rheumatismus zusammenhält. So mannigfaltig wie die zum großen Teil unbekannten Ursachen sind die Behandlungsmethoden. Aber selbst, wenn die Ursache bei einem Kranken gefunden ist, die ursächliche Behandlung kann oft den Stein, der einmal ins Rollen gekommen ist, nämlich das Rheuma, nicht mehr aufhalten. Weshalb das nicht möglich ist, darüber zerbrechen sich zahllose Forscher der ganzen Welt seit Jahrzehnten den Kopf.

Eine Gruppe von ihnen, nämlich die um den Amerikaner P. S. Hench, glaubte, daß das Wichtigste beim Gelenkrheumatismus nicht die Infektion, sondern eine verborgene Störung biochemischer Vorgänge sei. Sie gingen von der Beobachtung aus, daß bei Gelbsucht und Schwangerschaft etwa drei Viertel aller Menschen, die an einem Gelenkrheumatismus leiden, während dieser Zeit eine deutliche Besserung oder sogar Beschwerdefreiheit zeigen. Gab es etwas, was Gelbsucht und Schwangerschaft gemeinsam haben? Die Beziehungen zwischen Gelbsucht und der Nebennierenrinde waren lange bekannt. In der Schwangerschaft werden besonders zahlreich Hypophysenhormone lebhaft produziert. Es lag also der Schluß nahe, daß das Hypophysenhormon, das die Nebennierenrindensekretion anregt, die Brücke darstellt, die Verbindung zwischen zwei so verschiedenen Zuständen wie Gelbsucht und Schwangerschaft. Aber es zeigte sich, daß die gewöhnlichen Extrakte von Nebennierenrindenhormon sicher keinerlei günstigen Einfluß auf den Gelenkrheumatismus haben. Blieb zu erforschen, ob die sogenannte Fraktion E des Nebennierenrindenhormons, ein sehr schwierig und nur in kleinsten Mengen zu gewinnender Stoff, das wirksame Agens sei.

Dieser Stoff, Cortisone genannt, wurde einer kleinen Gruppe von Kranken gegeben, die an einem chronischen oder akuten Gelenkrheuma litten, das auf allerlei vorherige Behandlungsversuche nicht angesprochen hatte. Und tatsächlich bewirkte das Cortisone innerhalb von wenigen Tagen eine ganz erstaunliche Besserung bei fast allen von ihnen. Obwohl die Zahl der erfolgreich behandelten Kranken so klein war, daß bei anderen Krankheiten niemand irgendwelche Schüsse über die Wirksamkeit des Mittels zu ziehen gewagt hätte, hier merkten die Ärzte der USA auf. Eine Riesennachfrage nach Cortisone setzte ein. Und das ist wohl der beste Beweis dafür, wie groß das Bedürfnis der Ärzte und Kranken nach einem wirklich wirksamen Mittel gegen den Gelenkrheumatismus ist. Es wird noch verständlicher, wenn man an die Schmerzen, die Bewegungsunfähigkeit und die oft jahrzehntelange Dauer des Leidens erinnert, eines Leidens, das die Menschen fast immer im lebensfreudigsten besten Leistungsalter überfällt. In allen größeren Kulturstaaten gibt es Gesellschaften zur Bekämpfung des Rheumatismus, und darüber hinaus haben sich internationale ständige Organisationen die gleiche Aufgabe gestellt. Nicht nur in den Vereinigten Staaten steht der Rheumatismus unter den chronischen Krankheiten weitaus an erster Stelle. Seine Häufigkeit ist etwa zehnmal größer als die der Tuberkulose. In England bewirken nur die Geisteskrankheiten einen größeren Arbeitsausfall als der Rheumatismus. Aus diesen wenigen Zahlen wird die große soziale Bedeutung der Erfindung des Cortisone klar. Wenn auch nur ein Teil der rheumatischen Krankheiten die Gelenke befällt, und das Mittel vorläufig nur bei diesen angewandt wurde, so besteht doch viel Anlaß, zu hoffen.

Auf jeden Fall aber wäre es verwunderlich, wenn eine solche, auf allgemeinen Wirkungen basierende Behandlungsweise, aus dem Rheumatismuskomplex lediglich den Befall der Gelenke herausbrechen könnte, ohne die übrigen Folgen gleicher Ursache zu beeinflussen. Es bleibt uns also die Hoffnung, daß das Mittel nicht nur bei Gelenkrheumatismus wirksam wäre, sondern sogar noch mehr erreichen könnte, als bisher bekannt ist. Wenn sich auch nur ein Teil der Hoffnung erfüllen sollte, würde das Cortisone schon zu den Großtaten der Medizin gehören, und sich in seiner Bedeutung dem Insulin an die Seite stellen lassen. W. Renner