Von Paul Hühnerfeld

Berchtesgaden, im Oktober

Welcome to Berchtesgaden“ – man braucht nicht Philosoph zu sein, um diesen Satz, der mit gelben Blockbuchstaben auf den kleinen Autobus gemalt ist, problematisch zu finden. Der Autobus ist in amerikanischen Diensten und holt die Amerikaner am Bahnhof Berchtesgaden ab. Aber gewöhnlich ist es doch so, daß der Gastgeber den Gast willkommen heißt, der Einheimische den Fremden. Anders hier in Berchtesgaden! Das „Willkommen“ rufen den amerikanischen Ferienreisenden die eigenen Landsleute aus Arkansas und Ohio, Tennessee oder Kalifornien zu. Die Bayern selbst sagen gar nichts, und das liegt nicht nur daran, daß sie meistens kein Englisch sprechen. – In diesem Land voll landschaftlichen Zaubers, in dem die Erholung selbst für Unbegabte wie von selbst kommt, in Salzburg, Berchtesgaden und am Königssee sind zu den Bayern und den Bergen, den Flüchtlingen und Feriengästen die Amerikaner hinzugekommen: Sie schlendern durch die Straßen und tun so, als ob sie zu Hause wären. (Aber ach, es gelingt ihnen vor sich selbst nicht recht, sich zu Hause zu fühlen, obwohl sie ihre Radios so laut stellen, daß man sie am Königssee vom Dorf bis nach St. Bartholomä hören kann, obwohl sie ihre eigenen Boote haben – sie knattern noch lauter als ihre Radios –, ihre eigenen Autos, ihre eigenen Hotels, ihre eigenen Angestellten, ja sogar ihre eigenen Straßen – obwohl oder gerade deswegen fühlen sie sich nicht zu Hause.)

Freilich, solches Verhalten bringt auch viele Vorteile mit sich. So ist dort unten die Frage an den Einheimischen, ob er sich gut oder schlecht mit den Amerikanern viertrage, völlig sinnlos, weil sie gar keine Beziehungen zueinander haben. Da macht nur der amerikanische Kommandant von Berchtesgaden eine Ausnahme: er hat solche Beziehungen und pflegt zu verschiedenen „bayrischen“ Anlässen im dortigen Lokalblatt einen Kommentar zu geben, der meistens nicht sehr schmeichelhaft für die Einheimischen ist. Neulich zum Beispiel marschierten die „Berchtesgadener Weihnachtsschützen“ zu einem Vereinsjubiläum auf, mit Musik und in Viererreihen. An den Straßen winkten Frauen und Kinder, und nach dem Aufmarsch waren alle sehr lustig. Am Tage darauf konnte man im Lokalblatt lesen, da sähe man es ja mal wieder, den Deutschen sei der Militarismus nicht auszutreiben, und geschrieben hatte dies der amerikanische Kommandant. Nun aber setzte sich ein Weihnachtsschütze hin (es muß wohl ein Studienrat gewesen sein) und legte in einer langen Antwort in exakter philosophischer Kleinarbeit an Hand von alten Kirchenbüchern und Dokumenten dar, daß die Berchtesgadener Weihnachtsschützen niemals militaristische Gelüste gehabt hätten. Ja, wenn man seinem Bericht glauben durfte, waren sie geradezu ein Hort eines gesunden, vaterländisch-bayrisch gefärbten Pazifismus gewesen. Die Antwort des Amerikaners war echt und kurz: Gegen solche Gelehrsamkeit, schrieb er, käme er natürlich nicht an, und so bitte er, seine Antwort nicht als Antwort, sondern lediglich als Ergänzung zu den wertvollen Ausführungen des Weihnachtsschützen anzusehen: Er habe nämlich die vorletzte Mitgliederliste der Weihnachtsschützen eingesehen und dort unter den „Aktiven“ einen Mann namens Adolf Hitler gefunden... und der Ordnung halber füge er noch hinzu, daß dieser Mann – Adolf Hitler – seit 1933 nur der NSDAP und – eben den Berchtesgadener Weihnachtsschützen als Mitglied angehört habe.

Im übrigen freilich – um der Wahrheit die Ehre zu geben – spielt im Berchtesgadener Ländchen der Name „unseres Führers“ weniger in den Mitgliederlisten braver deutscher Schützenvereine als in den Prospekten und Auslagen der amerikanischen Reisegesellschaften eine Rolle. „The Führers look out chalet“ muß jeder Amerikaner gesehen haben, ehe er aus Europa in Gottes eigenes Land zurückkehrt. Und wenn man zusieht, wie sie vorsichtig und gar nicht so laut und ungeniert (wie sie sonst tun) den Obersalzberg besichtigen, dann hat man plötzlich das Gefühl, man müsse irgend etwas tun (vielleicht die Antifaschisten alarmieren), damit diese „Stätte“ nicht eine Wallfahrtsstätte wird...

Nur manchmal gehen die amerikanischen Gäste auch in deutsche oder österreichische Veranstaltungen. In Salzburg besuchten sie die Festspiele, und in Berchtesgaden taten sie es, als ein einheimischer Autor für Berchtesgaden so etwas schaffen wollte wie Hoffmannstal es mit dem „Jedermann“ für Salzburg geschaffen hat. Er nannte es „Kreuzgangtragödie“, und die Aufführung dieser schaurigen Moritat (im Kreuzgang der Berchtesgadener Stiftskirche) war da, wo sie ernst genommen werden wollte, am lustigsten. Zwei junge Amerikanerinnen bestätigten das auf ihre Weise: Gerade als das Spiel auf fürchterlichem Höhepunkt einen Augenblick verweilte – der durch frevelhafte Unwissenheit geblendete Bruder umfaßt in sündiger Umarmung die mannstolle Schwester, während der liebe Gott durch ein Gewitter schon deutlich ankündigt, daß er das blutschändende Natterngezücht spätestens in der nächsten Szene vernichten wird – wandte sich die eine Amerikanerin ihrer Freundin zu und sagte laut und deutlich: „Very nice, yes?“ Und die andere antwortete: „Very nice, indeed“.

Aber sonst, wie gesagt, gibt es kaum Beziehungen zwischen Amerikanern und Einheimischen. Warum nur? Eine Flüchtlingsfrau, die seit 1945 dort wohnt, sagte: „Das ist doch ganz einfach. Die Amerikaner haben Minderwertigkeitskomplexe vor den Bayern und die Bayern vor den Amerikanern.“