London, im Oktober

Im Londoner Victoria- und Albert-Museum findet gegenwärtig eine internationale Ausstellung mit dem Titel „Die Kunst der Buchhülle“ statt. Zwar, die Engländer sagen „Buchjacke“, wenn sie den Einband meinen. Aber hat dieses saloppe Wort nicht vertrauteren Klang? Für den Engländer ist die Buchhülle nicht nur ein Blickfang und gleichsam Visitenkarte; sie soll ihm auch eine symbolische Illustration des Inhalts vermitteln. Die Hersteller also trachten mehr danach, dem unschlüssigen Käufer aufschlußreich zu helfen, als den gelangweilten Passanten durch grelle Farben einzufangen.

Die Londoner Ausstellung ist die erste ihrer Art, und nicht weniger als 7000 Hüllen sind von 19 verschiedenen Ländern entsandt worden. Frankreich, Italien und die südamerikanischen Verleger sind zwar nur wenig vertreten, da in diesen Ländern hauptsächlich broschierte Bücher ohne besonderen Schutzumschlag verkauft werden. Dafür mangelt es nicht an nordamerikanischen Beispielen, denn man legt im Land der „Stromliaigen Reklame“ den größten Wert auf frappante Umschläge. Die grellen Farben und das an Konfektpackungen erinnernde Hochglanzpapier der amerikanischen Einbände lassen den Ausstellungsbesucher schon aus weiter Entfernung stützen. Sie beißen gleichsam den Käufer aggressiv, anstatt ihn verführerisch zu umwerben. Und so fehlt denn der Eindruck nicht, daß einem hier oft falsche Tatsachen vorgespiegelt werden und daß sich unter der herausfordernden Decke ein fader Inhalt verbirgt. Eine Ausnahme allerdings bilden die Umschläge des amerikanischen Künstlers Alvin Lustig. Seine Entwürfe für eine Sammlung von Rimbaud-Gedichten fanden auf der Ausstellung den größten Beifall.

Es sind auch deutsche Bucheinbände auf der Londoner Ausstellung vertreten, und H. H. Hagedorn mit seinem Umschlag für „Perlen und Schwarze Tränen“, von Vincent Brun, hat großes Lob geerntet. Die Trümmer, die auf seinem Entwurf zu sehen sind, wirken unaufdringlich und dienen lediglich dazu, den Blick auf das im Vordergrund stehende Paar zu konzentrieren. Nun, im Gegensatz zu diesem überzeugenden Umschlag erscheint der Rest der deutschen Einsendungen befremdend zierlich, zart-betont und reserviert. Ein Londoner Kritiker hat diese deutsche Tendenz damit zu erklären gesucht, indem er sie als eine Reaktion auf die Brutalität der vergangenen Jahre darstellte. Wie dem auch sei – die Neigung zum Verspielt-Lieblichen in der kleinen deutschen Auswahl ist nicht zu leugnen.

Neben einigen sehr schönen schwedischen und tschechischen Einbänden fielen auch die englischen Entwürfe angenehm auf. Sie stellen einen guten Kompromiß zwischen amerikanischem Glanz und deutscher Zurückhaltung dar und zeigen, daß sich in England auch namhafte Maler um die „Buchjacke“ bemühen. Erik Orton