Der Göttinger Geschichtsprofessor Percy E. Schramm führte von 1943 bis 1945 das Kriegstagebuch des Wehrmachtsführungsstabes im OKW. In dieser Eigenschaft stand ihm alles dort vorhandene Informationsmaterial über die deutschen Kriegsverluste zur Verfügung, und zwar nur völlig unfrisierte Zahlen. Da durch eine Publikation der Abschlußziffern, die ohne sein Wissen erfolgte, ein unklares Bild über die deutschen Verluste entstanden sein könnte, hält Professor Schramm jetzt die Zeit für gekommen, sein Material der Öffentlichkeit zu übergeben.

In jedem Monat des Zweiten Weltkrieges erhielt die Oberste Deutsche Führung ein dickes Heft, in dem mit Hilfe von Statistiken und Tabellen über den Tod Buch geführt wurde. So hatte sie einen dauernden, sicheren Überblick über die deutschen Menschenverluste. Alle Angaben waren so zuverlässig, wie sie unter den schwierigen Kriegsverhältnissen nur sein konnten. Nicht bekannt ist allerdings, ob das im April 1945 fällige Heft noch fertiggestellt wurde. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die am 14. März ausgegebene Übersicht die letzte gewesen. Die in ihr zusammengestellten Zahlen bezogen sich auf die Verluste bis einschließlich 31. Januar 1945, waren jedoch im Hinblick auf den Osten noch nicht ganz vollständig. Danach hatte die Wehrmacht einschließlich der Waffen-SS seit Kriegsbeginn eingebüßt!

1 810 061 Tote

davon beim Heer: 1 622 561

bei der Marine: 48 904

bei der Luftwaffe: 138 596

ferner waren gestorben (infolge

von Krankheit, Unfällen, Selbst-

mord und Todesurteilen) 191 338

zusammen 2 001 399 Tote

Auf Grund von Schätzungen ist für die Zeit vom 1. Februar 1945 bis Kriegsschluß noch mit einem weiteren Verlust von mindestens 150 000 Toten zu rechnen.

Außer den Toten büßte die Wehrrecht bis zum 31.1.1945 insgesamt an Vermißter, ein:

1 902 704 Wehrmachtsangehörige

davon beim Heer: 1 646 316

bei der Marine: 100 256

bei der Luftwaffe: 156 132

Bis zum 31. Januar 1945 befanden sich in angloamerikanischer Kriegsgefangenschaft nachgewiesenermaßen 322 807 Wehrmachtsangehörige. Alle anderen Angaben sind unvollständig. Es bleibt also nur übrig, die restlichen 1,6 Millionen Vermißten auf Grund von Schätzungen aufzuschlüsseln. Mangels genauer Anhaltspunkte ist es vielleicht zulässig, wenn man von ihnen die Hälfte als tot, die andere Hälfte als kriegsgefangen ansetzt, Demnach ist mit rund einer weiteren Million Toten zu rechnen. Es besteht jedoch die Hoffnung, daß sich diese Zahl als zu hoch gegriffen erweist.

Unbeantwortet muß vorläufig die Frage bleiben, wie viele Kriegsgefangene infolge von Krankheit, Unterernährung, Unglücksfällen und Selbstmord starben, bevor sie in ihren Zivilberuf entlassen wurden. Hier können auch Schätzungen keine Resultate liefern.

Zu den Verlusten der Wehrmacht kommen noch die der Zivilbevölkerung (einschließlich Reichsarbeitsdienst, Organisation Todt und anderer) infolge von Luftangriffen. Über diese Verluste sind in Deutschland sehr hohe, falsche Gesamt- und Einzelzahlen im Umlauf gewesen. Im Fall von Hamburg beispielsweise hat sich nachträglich ergeben, daß sich die zuerst geschätzte Zahl von 150 000 bis 200 000 Toten in Wirklichkeit auf etwas über 40 000 belief. Die Gesamtverluste der männlichen und weiblichen Zivilbevölkerung infolge der Luftangriffe werden von Sachverständigen auf 600 000 bis 800 000 Tote veranschlagt. In dieser Zahl sind allerdings auch Ausländer enthalten, die sich vährend des Krieges in Deutschland aufhielten und den Angriffen zum Opfer fielen.

Wenn man diese Verluste der deutschen Zivilbevölkerung mit denen der Wehrmacht vergleicht, dann ergibt sich – falls die in beiden Fällen keineswegs endgültigen Zahlen annähernd richtig sind – ein Verhältnis von etwa 1 : 4. Da die Verluste unter der Zivilbevölkerung jedoch im wesentlichen erst in den beiden letzten Kriegsjahren eintraten, hat es Monate gegeben, in denen sie höher waren, als die der Wehrmacht; ein in der Kriegsgeschichte wohl einzig dastehender Fall.

Besonders interessant sind im Vergleich hierzu die Verluste der anglo-amerikanischen Luftstreitkräfte. Sie betragen, einer amerikanischen Meldung vom 1. November 1945 zufolge, auf amerikanischer Seite 79 265 Mann, auf britischer 79 281 Mann, zusammen also 158 546 Tote. Das heißt, der angreifende Gegner hatte im Luftkrieg ein Fünftel der Verluste, die die deutsche Zivilbevölkerung durch seine Angriffe erlitt.

Über die Verluste, die durch die Fluchtbewegungen und die Kampfhandlungen im Osten und Westen bei der Zivilbevölkerung eintraten, hatte die Oberste Deutsche Führung im Jahre 1945 noch keinerlei genaue Angaben. Als Anhalt für den Osten lag allein die Zahl der Menschen vor, welche aus Ostpreußen und dem von den Polen besetzten Gebiet jenseits der Oder-Neiße-Linie flüchteten und die durch die Ausgabe der Lebensmittelkarten wenigstens ungefähr erfaßt worden waren: 13 Millionen. Diese Zahl ließ schon damals erraten, daß die im Osten eingetretenen Verluste der Zivilbevölkerung erschreckend hoch sein mußten. Für den Westen fehlt jeglicher Anhalt.

Es ergeben sich demnach folgende Zahlen für die Berechnung der deutschen Gesamtverluste:

a) sicher festgestellte tote Wahr machtsangehörige.... rund 2 150 000

b) wahrscheinlich noch hinzukommende tote Wehrmachtsangehörige (Vermißte) .. Kind 1 000 000

c) in der Kriegsgefangenschaft vor der Heimkehr Gestorbene........?

d) Verluste der Zivilbevölkerung durch Luftangriffe .. 600–800 000

e) Verluste der Zivilbevölkerung durch Fluchtbewegungen und Kampfhandlungen?

Die endgültige Zahl der toten Wehrmachtsangehörigen wird also vermutlich die Drei-Millionen-Grenze nicht wesentlich überschreiten, vielleicht sogar darunterbleiben. Die Verluste der Zivilbevölkerung infolge der Luftangriffe stehen zu den Gesamtverlusten der Wehrmacht im Verhältnis von etwa 1:4 bis 1:3. Ihre Gesamtverluste werden das (Drittel jedoch weit überschreiten. Dadurch unterscheidet sich für Deutschland der Zweite Weltkrieg grundlegend vom Ersten Weltkrieg, in dem die Zivilbevölkerung durch Feindeinwirkung und Flüchtlingsbewegungen nur ganz geringfügige Verluste erlitt.

Bei allen Vergleichen der Verlustzahlen des Zweiten Weltkrieges mit denen des Ersten ist im übrigen folgendes zu berücksichtigen:

a) Dieser Krieg dauerte 68 Monate, der erste 51.

b) Die Verlustzahlen für 1914-18 bezogen sich

auf eine Bevölkerung von 66 Millionen, die des letzten Krieges auf eine Bevölkerung von rund 85 Millionen.

Im großen kann man daher sagen, daß – berechnet auf den Durchschnitt der Bevölkerung – der Zweite Weltkrieg trotz seiner längeren Dauer nicht mehr Blut forderte als der Erste, soweit es die Verluste der Wehrmacht betrifft. Erst dadurch, daß so viele Angehörige der Zivilbevölkerung den Luftangriffen zum Opfer fielen, auf der Flucht zugrunde gingen oder unmittelbar in die Kampfhandlungen einbezogen wurden, war dieser Krieg für Deutschland verlustreicher als der voraufgehende.

Im Ersten Weltkrieg verloren die deutschen Streitkräfte insgesamt 43 deutsche Generale; auf dem Schlachtfeld verblieben von ihnen ungefähr ein Dutzend. Die Zahlen für den Zweiten Weltkrieg lauten nach einer privaten, aber im wesentlichen sicher zuverlässigen Aufstellung, zu der allerdings wohl noch Nachträge zu machen sind:

Heer Luftwaffe Kriegsmarine

(Admirale)

gestorben 42 2 3

verunglückt 19 14 2

gefallen 140 9 7

201 25 12

zusammen: 238 Generale und Admirale.

Nicht einbezogen sind diejenigen, die auf Grund von Selbstmord oder eines Urteils endeten, oder aber nach der Kapitulation den Tod fanden. Die Zunahme der Zahl auf das Fünf- bis Sechsfache erklärt sich vor allem durch die andere Art der Kampfführung, durch den stärkeren Verbrauch an Lebenskraft, durch die Härte des Krieges, die auch die höhere Führung betraf, und durch die Zunahme der Flugzeug- und Kraftwagenunfälle.

Schließlich müssen noch die Zahlen der Verwundeten vermerkt werden. Es ist mit rund fünf Millionen zu rechnen. Diese Zahl bezieht sich nur auf jene Verwundungen, die im Lazarett behandelt wurden. Leichte Verletzungen, die bei der Truppe geheilt wurden, sind ihr nicht zugezählt. Andererseits sind viele Wehrmachtsangehörige zwei- oder mehrfach, einige sogar zehnmal und mehr verletzt worden. So kann die Zahl der tatsächlich Verwundeten auch geringer sein. Dies ist bei dem Vergleich mit der Zahl der Toten zu beachten. Das Verhältnis ist aber auf alle Fälle ungünstiger als im Ersten Weltkrieg.

Rechnet man die Zahl der Gefallenen, der voraussichtlich Gefallenen, der Gestorbenen, sowie der Verwundeten zusammen, so kommt man ohne die Zahl der später Verelendeten auf eine Summe, die sich um rund acht Millionen Wehrmachtsangehörige bewegt. Sie bezieht sich auf eine Bevölkerung von etwa 85 Millionen, also auf eine männliche Bevölkerung von rund 42,5 Millionen. Es ist demnach fast jeder fünfte männliche Reichsangehörige im Zweiten Weltkrieg gefallen oder verwundet worden.