Vorläufer der großen politischen Romane Koestlers und seiner berühmten Essay-Sammlung "Der Jogi und der Kommissar" sind "Die Gladiatoren", eine romanhafte Abhandlung des ewigen Themas Revolution. Koestler hat die Idee "Kann eine Revolution sauber, menschlich und folgerichtig durchgeführt werden?" gedichtet – diese Idee oder besser: diese Frage. Wie man weiß, hat er sie auch existentiell verneint. In den "Gladiatoren" benutzt er den sozialen Aufstand der Spartakisten im alten Rom, ihren Aufstieg und ihre Vernichtung zur Darstellung einer revolutionären Bewegung, die sich bald von ihren Herren löst, sich selbständig macht und in Kettenreaktionen alle Ordnung sprengt und Sinn in Unsinn verkehrt. In diesem ersten politischen Roman Koestlers sprengen häufig die Ideen die literarische Form des Buches. Im ersten Teil beherrschen noch lebendige Menschen die Handlung, im zweiten Teil kämpfen schon die Leitartikler miteinander. Peter Christian Baumann

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Anna Seghers’ Name hat Gewicht. Ihr Roman "Das siebte Kreuz" ist aus der Literatur – ich meine nicht nur die deutsche – nicht mehr wegzudenken. Dieses große Können machen auch die unter dem Titel "Der Ausflug der toten Mädchen" vom Aufbau-Verlag herausgegebenen Erzählungen deutlich. Das visionäre Wiedererleben eines Schulausfluges am Rhein, das die Verfasserin unter dem Gluthimmel Mexikos hat, ist von beklemmender Intensität durch die Verflechtung von Vergangenem und Gegenwärtigem. Welch sorglos heitere Harmonie damals in der Seele der Schülerin am Rhein und welch entsetzliches Wissen, daß einer des anderen Teufel wurde, später, im Lärm der "Kristallnächte",, unterm Zeichen des Judensterns! Die anderen-Erzählungen stehen an Dramatik und innerer Spannung dem "Ausflug der toten Mädchen" nicht nach. Und trotzdem: man wird den Gedanken nicht los, daß es nun genug sei der "Trümmerdichtungen", nicht etwa, weil wir nicht mehr an die Zeit unserer Schmach erinnert werden wollen, sondern weil wir inzwischen zu der Erkenntnis gekommen sind, daß all diese Probleme nicht den Kern dessen berühren, das uns not tut heute. Und noch eines: Anna Seghers läßt in der Erzählung "Die Saboteure" die Munitionsarbeiter erst zur Tat schreiten, als Hitler den Krieg gegen Sowjetrußland beginnt. Waren Polen – diese Frage drängt sich dem Leser auf –, waren Franzosen, Engländer nicht auch ihre Brüder? Es fehlt der Sabotage die logische Konsequenz. Werner Rockel

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Je länger Franz Kafka, dieser tiefgründige und merkwürdig messianische Dichter, der eigentlich nur aus der Prager Atmosphäre begriffen werden kann, tot ist, desto mehr wächst das Interesse an seinen Werken und an seiner Person. Kürzlich ist in Wien ein kleiner (30 Seiten), aber eindrucksvoller Essay über ihn erschienen (Franz Kafka, von Robert Rochefort, Amandus-Edition), der gleichzeitig Persönlichkeit und Werk des Dichters zu erfassen, das heißt eigentlich, Identität von Werk und Person darzustellen trachtet: "Kafka verschmilzt mit seinem Werk, und die Angst, die es uns mitteilt, ist seine Angst ebenso wie unser Unvermögen, mit seiner Büchern fertig zu werden, seinem Unvermögen entspricht, mit seinem Leben fertig zu werden..."

Petwaidic

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