Während aus allen Teilen der Welt Nachrichten kommen, daß die Kunstdüngerproduktion eine Rekordhöhe erreicht hat, entwickelte sich in den letzten Monaten für die westdeutsche Düngemittelindustrie ein ungewöhnlich hoher Absatzrückgang. Die Welterzeugung an handelsüblichen Kunstdüngern wird nach einem Bericht der Landwirtschafts- und Ernährungs-Organisation der UNO (FAO) im Wirtschaftsjahr 1948/49 rund 11,6 Mill. t betragen. Und von der Pariser Zentrale der Verwaltung für wirtschaftliche Zusammenarbeit (ECA) wird mitgeteilt, daß Westeuropa am Ende des Marshall-Planes, also im Jahre 1952, über das Doppelte seiner Vorkriegsversorgung mit Düngemitteln und damit über einen Überschuß von jährlich 400 000 t verfügen wird.

Den Zeitpunkt dieser Aufwärtsentwicklung hielt die Dekartellierungsabteilung der amerikanischen und britischen Militärregierung anscheinend für passend, um gegen eine Reihe von Düngemittelherstellerfirmen Westdeutschlands ein Entflechtungsverfahren einzuleiten. Diese Aktion richtet sich in der Hauptsache gegen die gemeinsame Verkaufsstelle der Düngemittelfabriken, die es ermöglicht, der Landwirtschaft in ganz Westdeutschland gleichmäßige Produktionsvoraussetzungen durch gleiche Düngemittelpreise zu sichern. Auf deutscher Seite vertritt man die Ansicht, daß diese Verkaufsorganisation mit wettbewerbsbeschränkenden Maßnahmen nichts zu tun habe und ausschließlich eine technische Verteilerfunktion ausübe. Auf alliierter Seite ist man anderer Ansicht und stützt sich dabei auf ein Gutachten, daß Miß Ball im vergangenen Jahre nach Unterlagen über die deutsche Düngemittelindustrie der Vorkriegszeit (!) angefertigt hatte.

Die durch diese merkwürdige Dekartellierungswünsche hervorgehobene Unruhe wird einerseits noch durch preisdrückende Einfuhren und andererseits durch die Unklarheit über die Düngemittelpreise verstärkt, da die Subventionen am 30. September zunächst eingestellt worden sind. Vom Bundesernährungsministerium wurde es als eine dringliche Aufgabe des Bundestages bezeichnet, umgehend über die weiteren Subventionszahlungen für Düngemittel zu entscheiden. Ursprünglich hatte die Verwaltung für Ernährung 105 Mill. DM zur Stützung der Düngemittelpreise für das laufende Wirtschaftsjahr vorgesehen. Nachdem für das erste Quartal, das bis zum 30. September ging, 25 Mill. DM freigegeben worden waren, ist jetzt der Bundestag zuständig.

Herrschte bisher bereits ein ungewöhnlich schwacher Düngemittelabsatz, so wurde er als Folge der ungeklärten Subventionsfrage nun völlig erschüttert. Die Chemische Düngerfabrik Rendsburg, die neben Knochenleim, Knochenfett und Knochenmehl vor allem Superphosphat und Düngermischung herstellt, berichtet, daß im Vorjahre in sieben Sommermonaten rund 5000 t Superphosphat abgesetzt worden sind, während der Absatz in den entsprechenden Monaten dieses Jahres kaum 600 t betragen hat. Die Folge dieser Entwicklung war eine Stillegung der wichtigsten Teile des Unternehmens. Arbeiterentlassungen, die für die Stadt Rendsburg eine erhebliche Belastung dargestellt hätten, konnten bisher auf dem Wege von Instandsetzungsarbeiten vermieden werden. Man hofft jedoch, nach Klärung der Subventionszahlungen (die Fabriken haben übrigens ihre Lieferungen zu alten Preisen fortgesetzt) und auch nach Aufnahme von Superphosphatlieferungen für die Sowjetzone diese Absatzkrise überwinden zu können. ww.