Den Führern der Schloßbesichtigung zu Windsor ist aufgegeben worden, sich bei ihren Erklärungen in Zukunft strikt an historische Tatsachen zu halten und keinesfalls mehr legendäre, individuelle Verbrämungen hinzuzufügen. Sie werden den Besucher nicht mehr mit den herrlichen Erzählungen unterhalten dürfen, die uns den König Charles II. in einem so menschlichen Lichte zeigten, als wir hörten, daß er in Windsor mitternächtlich auf amouröse Ausflüge ging, um seine Neil Gwynn zu besuchen. Geschichte wird doch immer erst nachts gemacht. Deswegen lauschte man auch immer angeregter jenen Legenden, die uns berichteten, wie Heinrich VIII. seiner Anna Boleyn zur frühen Morgenstunde im Windsor-Schloß begegnet sei. Damit ist es nun aus. Nüchterne Tatsachen werden hinfort die Trinkgelder reduzieren.

Dabei sind die geschichtlichen Tatsachen weit weniger unterhaltend als jene gruseligen Histörchen. Ist doch überhaupt Geschichte machen weit langweiliger als sie lesen. Horace Walpole, der Londoner "Spiegel" des achtzehnten Jahrhunderts, schrieb damals: "Glauben Sie nicht auch", daß es amüsanter ist, Geschichte zu lesen als sie zu leben? Schlachten werden auf jeder Seite geschlagen, Städte auf jeder zweiten Seite eingenommen, aber eine richtige Kampagne dauert sechs Monate und führt meist zu gar keinem Resultat. Mir scheint es oft, daß Alexander den Kaffeehausbesuchern zu Pella recht schneckenhaft vorgekommen sein muß, denn es dauerte reichlich lange, die Welt zu erobern."

So gehört es zur Berufsehre jedes Historikers, seine Geschichte dadurch zu verbrämen, daß er, auswählt, hinzufügt oder wegläßt. Und jene Historiker, die dies Geschäft am besten verstehen, werden mit hohen Ehren belohnt und erzielen einen klingenden Gewinn aus ihren Büchern. Warum sollten dies die Schloßführer zu Windsor nicht auch tun dürfen? Carlyle nannte die Geschichte eine Destillierung von Gerüchten, und Napoleon stimmte Voltaire darin zu, daß Historie nichts anderes als eine vereinbarte Fabel wäre. Deswegen sollten die Schloßführer ruhig das Recht behalten, Gerüchte weiter zu destillieren.

Wenn ich die relative Wahrheit über die Geschichte eines Schlosses und seiner Bewohner wissen will, dann lese ich eine authentische Beschreibung. Wenn ich mich aber einem Führer anvertraue, dann will ich Romantik haben. Ich will wissen, wann, wo und warum Oskar der Saure den weltgeschichtlichen Gedanken gefaßt hatte, Ruprecht den Unrasierten in einem Faß gedämpfter Salzgurken zu ersäufen. Mich interessiert die Stelle enorm, wo die Gräfin Agatha eingemauert wurde, weil sie mit dem Knappen Adolar fehltrat. Ich finde diese Geschichten viel aufregender als etwa Kriegsmemoiren, die doch auch nur aus Geschichten bestehen und nicht immer Geschichte sind. Alex Natan