Seit dem 17. Oktober tagen in Kairo die Ministerpräsidenten der sieben Mitgliedstaaten der Arabischen Liga. Es wird berichtet, daß sie sehr eingehend die Vorgänge und Hintergründe der ersten Tagung des Europarates in Straßburg studiert haben. In der Tat bestehen zwischen beiden Organisationen weitgehende und überraschende Ähnlichkeiten. Zunächst handelt es sich in beiden Fällen um Zusammenkünfte von Staatsmännern, deren Regierungen bemüht sind, ihre volle Souveränität zu wahren. Wie dem Europarat der Brüsseler Pakt und der Atlantikpakt vorangingen, sind auch im Nahen Osten die Fragen der gemeinsamen Verteidigung zuerst und am reibungslosesten geregelt worden. Doch spüren die beteiligten Regierungen in beiden Fällen auch deutlich die Notwendigkeit, auf wirtschaftlichem Gebiet und in vielen außenpolitischen Fragen zu einer stetigen Zusammenarbeit und zu einem engen Zusammenschluß zu kommen; von dieser Erkenntnis bis zur Verwirklichung einer wahren Union istes jedoch ein weiter Weg, der durch nationale Spannungen und überspitzte Souveränitätsgefühle ständig bedroht bleibt.

Es ist kein Zufall, daß der Rufer für eine panislamische Union, der Vorsitzende der pakistanischen Moslemliga, Chaudry Khaliquzzaman, sich auch gerade in diesen Tagen in Kairo aufhält. Nach einer Reise durch die islamischen Länder, auf der er Besprechungen mit so verschiedenen Exponenten wie dem Regenten des Irak, Abdul llah, König Ibn Saud und König Faruk führte, fand er auf einer vom Mufti Ägyptens geleiteten Massenkundgebung in Kairo begeisterte Zustimmung. Die Massen applaudierten seiner Forderung nach einem geeinten Islamisten, nach Ablehnung jeder kommunistischen Infiltration und Gründung eines "Dritten Lagers" zwischen Ost und West. Es scheint, als ob auch während der Beratung gen der jetzigen Ligatagung die Bildung eines solchen "Dritten Lagers" ein gutes Stück vorangekommen sei. Zahlreiche Fragen, die bis in die letzten Tage hinein die arabischen Regierungen scharf voneinander geschieden hatten: Die Vereinigung Syriens mit dem Irak, die Zugehörigkeit des arabischen Palästina zu Jordanien und die Zukunft Jerusalems wurden nicht diskutiert. Selbst zwischen persönlichen Feinden, wie Nur! Süd Pascha, dem irakischen Ministerpräsidenten, und dem Generalsekretär der Arabischen Liga, Azzam Pascha, kam es zu einer mindestens äußerlichen Versöhnung, so daß die Vorbereitung eines gemeinsamen Verteidigungsabkommens in einer seit Jahren im Orient nicht mehr gewohnten sachlichen Atmosphäre vor sich ging.

Dieses Verteidigungsabkommen ist zunächst auf Israel hin ausgerichtet, und die Besorgnisse in Tel Aviv sind daher groß. Es ist aber in Kairo deutlich ausgesprochen worden, daß dieses Abkommen auch zwei andere Stoßrichtungen hat: gen Osten auf die Sowjetunion, aber auch gen Westen. Im Kreml hat man die Bedrohung, die natürlich nicht in den arabischen Armeen, sondern allein in der Tatsache eines Zusammenschlusses der Mohammedaner unter antikommunistischen Vorzeichen liegt, sofort begriffen. Alle Sowjetzeitungen, von der "Prawda" über die "Iswestija" bis zur "Neuen Zeit" schießen mit schwerstem Geschütz gegen die "Marionettenversammlung des Kapitalismus" in Kairo. Aber auch der Westen dürfte der auf der Ligatagung gefaßten Beschlüsse nicht recht froh werden. Gegen jede Form der Einmischung von britischer oder amerikanischer Seite in die inneren Angelegenheiten der arabischen Linder wurde scharf Stellung genommen. Kein Wunder, daß Frankreich sich im Hinblick auf die geplante Ausdehnung der Liga auf das Gebiet der Cyrenaika und Tripolitaniens in seinen nordafrikanischen Gebieten bedroht fühlt.

Wenn es den Politikern der Ligastaaten gelingt, die inneren Eifersüchteleien zu überwinden und einen engen Kontakt zu Indien und den unter seiner Führung stehenden Ländern Südostasiens aufrechtzuerhalten – wie es sich auf der UNO-Tagung bereits deutlich abzeichnet der könnte in diesem Raum tatsächlich ein Drittes Lager entstehen, das in der Weltpolitik nicht mehr übersehen werden darf. P. H. Schulze