Von unserem Londoner Korrespondenten

E G. London, Anfang November

Die Abwertung brachte England nur eine Chance zur Gesundung, keine Heilung von der Dollararmut. Theoretisch wird diese Auffassung von der Labourregierung geteilt. Ministerpräsident Attlee nennt die Abwertung "ein Sprungbrett, nicht ein Federbett"; und Lordpräsident Morrison, Labours Wächter der Wahlstimmung, bereitete die Öffentlichkeit auf "unangenehme Überraschungen" vor.

Um so größer war die Enttäuschung selbst vieler Labourfreunde über die sanften Töne und zaghaften Maßnahmen, mit denen Attlee zur Praxis überging. "Eine Handvoll herbstfeuchten Laubs auf das glühende Feuer der Erwartungen", nennt ein Kommentar die paar Sparmaßnahmen der Regierung, während ein Karikaturist Attlee als Fanfarenbläser zeichnet, der stolz die Fanfare zum Signal erhebt, jedoch nur ein klägliches "Piep" hervorbringt. Am laufenden Haushalt sollen nur etwa 100 Millionen Pfund gespart werden – kaum mehr als die Überschreitungen des Voranschlags von 3300 Millionen Pfund in diesen? Jahr ausmachen werden. "Nicht weniger als 10 000 Staatsangestellte" sollen eingespart werden – eine Ziffer, die für eine größere Kommunalverwaltung eindrucksvoll wäre, aber nicht für ein 50-Millionen-Volk, das rund; 40 v. H. seines Volkseinkommens dem Staate zur Neuverteilung überlassen muß. Die Kapitalersparnisse von 140 Millionen Pfund durch verlangsamte Elektrifizierung auf dem Lande, vereinfachte Schulbauten und eingeschränkte – private! – Bautätigkeit sind ebensowenig dazu angetan, eine nationale Anstrengung zur Anpassung des Lebensstandards an das geringe Einkommen und zur Steigerung der Exporte einzuleiten. Die Kürzung der Verteidigungsausgaben um 30 Millionen kann kein Ersatz für die grundsätzliche Prüfung sein, ob England wirklich noch die Kraft und den Willen hat, militärischen Verpflichtungen auf mehreren Kontinenten nachzukommen.

Doch aller Anfang ist schwer. Man würde vielleicht in England weniger entsetzt sein, wenn die Regierung wenigstens eine einheitliche, geschlossene Haltung einnähme. Doch alle Welt weiß, daß selbst diese Einsparungen, die in der Mehrzahl erst nach sechs bis zwölf Monaten spürbar werden können, nur nach heftigen Kämpfen im Kabinett genehmigt wurden.

Über internen Streitigkeiten hat die Regierung vergessen, "dem Volk aufs Maul zu schauen". Sonst hätte sie wissen müssen, daß die Engländer lieber in diesem Augenblick eine lange Liste von Einschränkungen und Opfern auf sich Zu nehmen bereit waren, als jedes Jahr die "Nachkriegskrise" zu erleben, die bald als "Brennstoffkrise", bald als "Materialkrise", bald als Pfundkrise und bald als Dollarkrise etikettiert wird. Attlee und seine Kollegen hätten nur auf die Gerüchte zu achten brauchen, die vor seiner Sparerklärung umliefen: Sie erstreckten sich von einer neuen Textilrationierung (wegen der Dollaraufwendungen für Baumwolle), über eine scharfe Vermögensabgabe bis zur Wiedereinführung der 48-Stunden-Woche. Wie war es möglich, daß dieser Pulsschlag der Nation überhört wurde? Zunächst: Attlee und seine engsten Mitarbeiter – Bevin, Cripps, Morrison – sind nach neun Amtsjahren in heißem und kaltem Krieg einfach müde geworden. Attlee nimmt seine Aufgabe ungewöhnlich ernst. Niemand kann der Lauterkeit seiner Amtsführung und seinem großen Verantwortungsgefühl den Respekt versagen. Aber auch in seinen besten Momenten zündet sein Wort beim Volke nicht; in seiner gegenwärtigen Erschöpfung wirkt es wie ein nasses Handtuch auf den Enthusiasmus der Öffentlichkeit, die "nun endlich mit dieser ewigen Nachkriegskrise Schluß machen will". Zum Abtreten jedoch fehlt es nicht nur an Nachfolgern, sondern auch an historischen Vorbildern – Hartnäckigkeit hat mehr als einen britischen Premier, von Pitt bis Chamberlain, über Gebühr lange im Amt gehalten.

Noch hemmender als die Hartnäckigkeit der müden Männer ist ihre panische Angst vor der eigenen Labour-Gefolgschaft, vor allem vor den sogenannten "führenden Gewerkschaftera".Hier ist seit mindestens zwei Jahren ein neuer Kurs der Regierung gegenüber der engeren Gefolgschaft fällig. Die Sprecher der Arbeiterschaft in den Delegationen der Labour Party und der Gewerkschaften sind wie Kritiker in einem Schauspielhaus, die jahrzehntelang die wechselnden Truppen auf der Bühne wegen schlechter Leistung gen kritisiert haben. Sie hatten sich immer wieder erboten, durch eine eigene Truppe bessere Stücke besser spielen zu lassen. Jetzt aber, da ihre eigene Truppe das von ihnen, ausgewählte Programm nach besten Kräften zur Darbietung bringt, tun die gleichen Kritiker wieder nichts anderes, ab mürrische Kritik zu üben. Ob nun "Der Widerspenstigen Kohle Verstaatlichungs-Zähmung" gegeben wird, ob man "Labours-Vollbeschäftigung" (mit der Marshall-Hilfe in einer wichtigen, aber stummen Rolle) auf die Bühne stellt, oder ob man aus dem Repertoire "Die Verbesserung der sozialen Dienste" hervorholt – stets sitzen die alten Kritiker im Parkett und bemängeln alles, was von "oben"geschieht, als ob dort noch die alte verhaßte Garnitur und nicht die eigene Truppe Stunde. Dabei sind die Bonzen aus Partei und Gewerkschaften schließlich mir auf Freikarten hereingekommen; das zahlende Publikum sind jene nichtorganisierten Angestellten und Angehörige des Mittelstandes, die durch ihre Stimmen der Labour-Party 1945 die Mehrheit verschafften.