Paris, Anfang November

Wie es die vielbeschuldigte Verfassung der Vierten Republik bestimmt, muß jeder neue vom Staatsoberhaupt designierte französische Ministerpräsident sich dem Parlament vorstellen, noch ehe er sein Kabinett gebildet hat. Der kühne Kandidat sitzt oder steht dann ministerseelenallein auf der sogenannten Bank der Regierung, gibt sein Programm und seine guten Absichten bekannt und muß Kritik und Prezisionen heischende Fragen über sich ergehen lassen wie ein Abiturient bei der Prüfung der Reife. Welch peinliche Angelegenheit für einen Erwachsenen, besonders wenn er durch jahrelangen Genuß eines Abgeordnetenamtes oder gar desjenigen der Exzellenz eines Ressorts (dem der Post zum Beispiel) schon ganz durchtränkt ist von gouvernementaler Würde, die sich ja meist auch mit Strenge und Empfindlichkeit paart! Dem Innenminister Jules Moch, der in vielen Ministerien ununterbrochen Inhaber wirklicher Macht war, muß diese Prozedur geradezu als ein Rückfall in seine ministerielle Pubertätszeit erschienen sein und hinterher doppelt demütigend. Konnte es seinen Argusaugen doch nicht entgangen sein, daß seinem Examen durch die Abgeordneten eine Rotte Studenten beiwohnte, die sich in den Sitzungssaal zu stehlen verstanden hatte, es waren dieselben jungen Leute, mit denen Mochs Polizei im Quartier Latin ununterbrochen auf Kriegsfuß steht! Hat die Studentenschaft doch alle möglichen Gesinnungen – volksrepublikanische, gaullistische und kommunistische, nur eine Gesinnung hat sie nicht –: die sozialistische; und selbst parteilos ist sie jedenfalls immer gegen die Polizei eingenommen: das ist ihnen Ehrensache ...

Gütige Menschen auf den Tribünen oder sogar unten auf den Sitzen der Volksvertreter verabscheuen denn auch mehr und mehr die Zeremonie dieser Investitur. Damen, die der Regierung nahestehen, sollen, als sie bei den jüngsten Investituren von Jules Moch und René Mayer diese beiden Kandidaten so allein, der Bosheit der Abgeordneten preisgegeben sahen, sogar jedesmal das Taschentuch gezogen haben, um das Haus nicht mit ihren Tränen zu überschwemmen. Nur mit Georges Bidault hat außer seinen Parteigenossen niemand Mitgefühl gezeigt, als er jüngst allein den schweren Gang, zur Regierungsbank antrat. Weiß man doch, daß Bidault – gleich in welcher Lage – sich immer und von vornherein als der Examinierende, Belehrende und nicht als der Geprüfte empfindet. Denn das Belehren ist diesem erst siebenundvierzigjährigen Dozenten der Geschichte von jeher eine Lust gewesen, und so hat. er in dem Parlament gewiß nichts anderes gesehen als eine Schar unartiger Schüler, die man erziehen müsse. Die Klasse hat es dann auch nicht gewagt, ihm die Investitur zu verweigern. Sie hat sie ihm zwar unter Zähneknirschen, aber mit der schmeichelhaften Mehrheit von 367 gegen 183 Stimmen bewilligt – wofür Monsieur Bidault ihr dann das angedrohte Nachsitzen erließ und sie nach Hause schickte.

Er selbst eilte schnurstracks auf den Flügeln des Erfolgs in das Elysée-Palais um dem Präsidenten Auriol zu nächtlichster Stunde das neue Kabinett vorzustellen, eine Sache der reinen Form. Denn der Chef des Staates kennt ja all diese Herren, von denen jeder schon Gott weiß wie oft Minister gewesen ist.

Hämische Beobachter – die, wie alle Beobachter, selbstverständlich Landesfremde sind – werfen den Franzosen immer wieder die Unstabilität ihrer Regierungen vor. Nur der böse Blick kann zu einem solchen Fehlurteil kommen. Immer gleichbleibend in der Instabilität –: das war schon die Devise der Dritten Republik, die mehr als hundert Regierungen verbraucht hat; die Vierte Republik setzt hierin nur die Tradition ihrer Vorsängerin fort, und da beschwert man sich über die Unberechenbarkeit der französischen Politik, die geradezu ein Muster an Unveränderlichkeit ist! Das Regieren hierzulande nämlich ist ein Spiel in festabgestecktem Kreise wie das "Bäumchen, Bäumchen wechsle dich". So hat der den Rothschilds verschwägerte René Mayer, der noch vor zwei Jahren ein viel diskutierter Finanzminister war, diesmal das Ministerium der Justiz erhalten, wo er von morgens bis abends viele spannenden Aktenstücke durchzuführender oder niederzuschlagenden Prozesse lesen kann, eine Beschäftigung, die ganz gewiß kurzweiliger ist. als die Pflicht, über den Zahlen des Staatsdefizits in den Zustand einer Dauermelancholie zu fallen. In dieser Melancholie mag sich Monsieur Petsche, der das Finanzministerium wieder übernommen hat, vielleicht deshalb wohlfühlen, weil er ohnedies den Freuden des Daseins, besonders denen der Tafel entsagen muß; denn eine strenge Diät ist dem Finanzminister vom Arzt auferlegt; es heißt, er nähme von sonntags bis samstags nichts anderes als in Wasser gekochte Karotten zu sich, schmackhaft gemacht durch Zwieback und Mineralwasser. Trifft dies zu, dann dürfte der französische Finanzminister die dem ganzen britischen Weltreich als Beispiel dienende Genügsamkeit des Schatzkanzler Cripps um einige Beefsteak-Längen schlagen – wobei zu Monsieur Petsches Ruhm gesagt sei, daß er keineswegs, wie Mister Cripps es tut, Versuche unternimmt, seinen Landsleuten ähnliche Kasteiungen aufzuerlegen. Im Gegenteil, Monsieur Petsche treibt durchaus zum Verbrauch, wenigstens dem des Tabaks, an dessen Monopol der Staat deshalb so viel verdient, weil das freiheitsdurstige Frankreich sich tatsächlich von den Obrigkeiten die Zigaretten drehen und sich vorschreiben läßt, was es tauchen und was es nicht rauchen darf –: gute Havanna-Zigarren oder reine Virginia-Zigaretten dürfen, beispielsweise nicht genossen werden. Nun, solange nur der Genuß dieser Importen, aber noch nicht das Denken verboten ist, sollte man sich sogar darüber trösten, daß der einstige Kriegsminister Teitgen diesmal das Ministerium der Information erhielt: man wird schon mit einem schonungsvollen Minimum an Deformation der Nachrichten davonkommen ...

Niemand sei mit weiteren Aufzählungen der "Bäumchen-wechsele-dich"-Positionen der achtzehn neuetikettierten Exzellenzen gelangweilt; man ist viel zu dankbar, sich nicht wie in anderen, barbarischen Ländern bei jedem Regierungswechsel völlig neue Namen merken zu müssen; sogar Monsieur Queuille ist geblieben, zwar nicht als Primus des Kollegiums, aber immerhin als Minus Eins mit dem Titel Vizepräsident, den er mit Jules Moch teilt, was zu mathematischen Scherzen verführen könnte, wenn der letztere nicht gleichzeitig der nach wie vor gefürchtete Innenminister wäre. Daß Robert Schuman weiter die Außenpolitik leitet, ist ein Sieg des gesunden Menschenverstandes. Wahrhaft beglückt ist man, daß das Gesundheitsministerium – wie unter Queuille – von dem Deutschlandspezialisten Pierre Schneiter betreut wird, der in seinen vorparlamentarischen Zeiten dem Handel mit Wein oblag, wie die von France-soir veröffentlichte Identitätskarte der Herren Minister es ausweist. Ein bacchusverpflichteter Gesundheitsminister – da ist keine gesundheitsfördernde Askese zu befürchten!