Wieschon so oft hat eine kleine Meldung im Osservatore Romano genügt, die Welt der hohen Politik zu elektrisieren. In der vergangenen Woche bezeichnete das offiziöse Organ des Heiligen Stuhls den bisherigen Apostolischen Visitator für Deutschland, Bischof Aloysius Joseph Muench zum erstenmal als Regenten der Apostolischen Nuntiatur in Eichstätt. Der Sohn eines Tischlers aus dem Böhmerwald und einer bayrisch-pfälzischen Mutter, der einst in seiner Geburtsstadt Milwaukee Zeitungen austrug, wird also fortan mit "Exzellenz" angeredet werden. Und wenn er auch vorläufig ohne Agrément und Immunität bleiben muß, weil die deutsche Bundesregierung beides nicht verleihen kann, so ist es doch nur noch eine Frage der Zeit, daß der deutsch-amerikanische Bischof von Fargo in Norddakota als Doyen den traditionellen ersten Platz unter den beglaubigten Diplomaten einnehmen wird.

"Wir müssen uns eine Atombombe machen, angefüllt mit der göttlichen Energie der Liebe, und sie auf die Menschheit werfen", so hat der 60jährige Botschafter des Papstes einmal gesagt. Das ist amerikanische Priestersprache; weniger feierlich als drastisch. Aber wer ihn je als Überbringer zahlloser amerikanischer Liebesgaben, als stillen, unermüdlichen Helfer der Flüchtlinge oder als Verfasser ebenso schonungsloser wie detaillierter Berichte über die soziale Not in Deutschland an den Vatikan erlebte, der weiß, daß es diesem so weltlich erscheinenden Kirchenfürsten Ernst ist mit seiner Forderung; er ist nach Deutschland gekommen, um den Haß der Welt durch die Liebe des Christentums zu überwinden.

Jetzt hat die Tätigkeit des Bischofs Muench trotz aller Beteuerungen, daß es sich dabei um einen rein kirchlichen, und nicht um einen politischen Schritt handele, eine neue offizielle Plattform erhalten. Besonders im Ausland hat die Ernennung Aufsehen erregt. Das ist begreiflich. Denn durch sie wurde wieder ein Amt besetzt, das einst Papst Pius XII. als Nuntius Pacelli innehielt, und ein Amt abgeschafft, das – – als deutscher Präzedenzfall – vor 1945 nur während der Ruhrbesetzung 1923 existierte.

– Der päpstliche Stuhl hat die universalistische Grundidee des römischen Imperiums als Erbschaft übernommen, die ihn, weniger "international" als vielmehr "übernational", zum geistigen Herrscher Aber 300 Millionen Menschen werden läßt. Die Kurie hat zugleich vom römischen Imperium die damalige Rechtsauffassung beibehalten; beispielsweise die leidenschaftliche Liebe zum geschriebenen Wort, der lex scripta, und dem Formal-Kontrakt. Es hat sich immer wieder gezeigt, daß der Vatikan vor allem eine formelle juristische Werbindung mit dem Staat sucht, ganz gleich, ob er ihn in der Theorie ablehnt oder nicht. Das (alt für das Deutschland Hitlers so gut wie für das faschistische Italien. Ja, darüber hinaus wird er selbst nie den ersten Schritt zum Abbruch von diplomatischen Beziehungen tun. Das gilt für die Tschechoslowakei und die anderen Satellitenstaaten so gut wie für Tito-Jugoslawien. All diese Aspekte lassen einen daher gespannt erwarten, wie sich die Beziehungen des Mannes, der gleichzeitig Generalvikar der USA-Besatzungsarmee und Apostolischer Nuntius ist, zur sowjetzonalen Republik entwickeln werden.

Hinter den Mauern des Vatikans existieren – wenngleich die Öffentlichkeit wenig darüber weiß – zwei deutlich voneinander getrennte Kreise. Eingeweihte bezeichnen sie als Vaticano minore" und "Vaticano maggiore", den "kleineren" und den "größeren Vatikan". Während sich der "Vaticano minore"‚ der einen Ausgleich der politischen Spannungen zwischen Ost und West für möglich hält, gegenwärtig vor allem mit den Vorberreitungen für das anno santo beschäftigt, hat der Vaticano maggiore" wesentlich andere Sorgen. Er ist das politische Zentrum des Heiligen Stuhls; an seiner Spitze steht der Papst selbst. Er hat erkannt, daß der Katholizismus künftig gut daran tun wird, den Kampf nicht erst aufzunehmen, wenn es nahezu zu spät ist, sondern ihm vorzubeugen. Sein Ziel ist nicht mehr Kirchenpolitik, sondern die politische Kirche. Die Ernennung des Bischofs Muench zum Apostolischen Nuntius darf als Schachzug in diesem großen Spiel gewertet werden. C. Jacobi