Schon die Sprache rauscht in jenem mythischen Rhythmus, wie ihn bärtige Männer lieben: "Aus den Fluten der Nordsee soll sich, gehauen aus, dem Urgestein des Granits, ein Mal erheben..." liest man also diesen Prospekt an, der derzeit umläuft, tippt man zunächst auf Wotan, dessen Mal sich da erheben soll. Nicht doch – Christus soll es sein! Und die Anreger des geplanten Males sind "der tiefen Überzeugung, daß in der Gestalt des segnenden, mahnenden, versöhnenden Christus an der deutschen Nordseeküste eine kulturelle, religiöse Idee unserer Zeit ihren geistesgeschichtlichen, in die Zukunft hineinragenden wenn es dieser Ausdruck denn unbedingt sein muß. Aber eine kulturelle Idee? Mitnichten, denn eine kulturelle Idee verlangt künstlerische Verwirklichung. Und seitdem Abbildungen des Entwurfes zum geplanten "Fels in der Brandung" veröffentlicht wurden (so in der "Zeit" schon am 31. März 1949), sollte man’s wissen: was da "aus dem Urgestein des Granits" gehauen werden soll, ist Kitsch.

Es hilft hier nichts, daß im Prospekt so recht geschwollen behauptet wird, in dem Entwurf der Bildhauerin Yrsa von Leistner habe "die Vorstellung des allerlösenden Christus eine aus unserem Augenblick heraus das Allgemeingültige schöpfende Form gefunden". Yrsa von Leistner, so weithin unbekannt sie ist, muß eine flotte Hand nicht nur für schlechte bildhauerische Kolossalentwürfe, sondern auch für gut funktionierende Organisationsmechanismen haben. Hat sie es doch tatsächlich fertiggebracht, daß ein "Verein zur Errichtung eines Christus-Mahnmals ‚Fels in der Brandung‘" gebildet wurde, der – wobei an den Gemeinschaftsgeist der gotischen Zeit erinnert wird – sogar die Spende des Armen fordert, ja "das Scherflein der Ärmsten, die aus der Heimat vertrieben, die aller Habe im Hagel der Bombennächte beraubt wurden, die in den Wirrnissen des letzten Jahrzehnts Gesundheit und bürgerliche Existenz verloren haben: alle diese Hilfe wird beitragen, Hunderten von Händen Arbeit zu geben und sie rufen, sich zum guten Werke zu regen und zu einen". Mit anderen Worten: die Scherflein werden dazu beitragen, daß Yrsa von Leistner zu ihrer kolossalen Kitschskulptur kommt, von der es heißt, ihre Höhe solle fünfzig Meter betragen. Sollte diese Höhe es verursacht haben, daß Staatssekretär. Dr. Andreas Grieser im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und soziale Fürsorge, sich bewegen ließ, dem Vorstandskollegium beizutreten? Man denke doch: es ist geplant, "Hunderten von Händen Arbeit zu geben"! Und sollte die enorme Mahnmalhöhe keinen Geringeren als den Ministerpräsidenten a. D. und jetzigen Präsidenten der Europäischen Akademie, Professor Dr. Geiler, bewogen haben, auch hier Präsident, und zwar Ehrenpräsident, zu werden? Will er, daß ganz Europa das Mahnmal sehen und – die Hände zusammenschlagen möge beim Anblick dieses Küstenkitschs? Das kann nicht sein! So lautere Absichten herrschen mögen – um der Geltung der deutschen Kunst willen muß man fordern: Wenn schon ein solches Werk, dann nach einem anderen, besseren Entwurf! M