Zu einem Zeitpunkt, in dem in Paris der Ministerausschuß des Europa-Rats zusammentritt, erklärte Bundeskanzler Dr. Adenauer unserem Redaktionsmitglied Ernst Friedlaender die Grundzüge seiner Frankreich-Politik,

Die Zeit: Welche Bedeutung messen Sie, Herr Bundeskanzler, innerhalb der gesamteuropäischen Politik dem deutsch-französischen Verhältnis zu?

Bundeskanzlers Die allergrößte Bedeutung. Ich bin, wie Sie wissen, Rheinländer, und ich habe meine engere Heimat immer als eine natürliche Brücke zwischen Frankreich und Deutschland erlebt. Wohl weiß ich, daß viel historisches Gestrüpp den beiden Völkern die Aussicht versperrt und den Weg zueinander erschwert. Aber im heutigen Stadium Europas sind "Erbfeindschaften" völlig unzeitgemäß geworden. Ich bin daher entschlossen, die deutsch-französischen Beziehungen zu einem Angelpunkt meiner Politik zu machen. Ein Bundeskanzler muß zugleich guter Deutscher und guter Europäer sein. Weil ich beides zu sein wünsche, muß ich eine deutsch-französische Verständigung anstreben. Eine solche Politik darf nicht dahin mißdeutet werden, daß sie profranzösisch und womöglich antibritisch wäre. Es handelt sich für uns keinesfalls darum, eine ausländische Macht gegen die andere auszuspielen. Die Freundschaft mit England ist ebenso wesentlich wie die mit Frankreich. Aber eine Freundschaft mit Frankreich bedarf größerer Anstrengungen, weil sie bisher stärker gehemmt war. Sie wird zu einem Angelpunkt unserer Politik, weil sie der wunde Punkt unserer Politik ist.

Die Zeit: Glauben Sie, daß eine solche Politik die volle Unterstützung des deutschen Volkes finden wird?

Bundeskanzlers Das deutsche Volk besteht aus sehr verschiedenen Menschen. Man kann niemals auf die Zustimmung aller rechnen. Aber ich glaube sagen zu dürfen, daß die Verständigung mit Frankreich heute in Deutschland populärer ist als zu irgendeinem Zeitpunkt vor 1945. Sie war vielleicht unmittelbar nach dem Zusammenbruch noch volkstümlicher als heute. In den letzten viereinhalb Jahren ist manches geschehen, was zu erneuten Hemmungen, zu erneuten Mißverständnissen Anlaß geben konnte. Aber die Grundtendenz ist in Deutschland gleichgeblieben. Und besonders die jüngere Generation bei uns, wie übrigens auch bei anderen Völkern, hat die Notwendigkeit einer europäischen Einigung mit erfreulicher Klarheit erfaßt. Gerade die jungen Deutschen wissen, daß diese Einigung unmöglich ist, wenn Frankreich und Deutschland sich nicht verstehen. Ich bin daher davon überzeugt, daß eine konstruktive Frankreichpolitik der Bundesregierung auf eine günstige Resonanz im deutschen Volk rechnen kann.

Die Zeit: Welche konkreten Hindernisse erschweren, Ihrer Auffassung nach, eine deutschfranzösische Verständigung?

Bundeskanzler: Da ist natürlich die Saar. Aber lassen Sie mich zunächst einmal von dieser Frage ganz absehen. Denn auch das Saarproblem wird erst verständlich, wenn man es im Zusammenhang mit dem französischen Sicherheitsbedürfnis betrachtet, und das gleiche gilt etwa für die Demontagen. Die Sicherheitsfrage ist tatsächlich die Kernfrage des deutsch-französischen Verhältnisses. In ihr sind auch die wirklichen, die konkreten Hindernisse für eine Verständigung enthalten. Und das ist im wesentlichen eine Sache des Maßes, mit der Gefahr der Maßlosigkeit auf beiden Seiten. Wenn Frankreich zuviel Sicherheit fordert, ohne dabei auf die dringendsten deutschen Erfordernisse zu achten, so wird sich unsere Haltung verhärten. Wenn umgekehrt wir zuwenig Sicherheit zu bieten bereit sind, so wird Frankreich zu keiner Verständigung mit uns gelangen. Es kommt also darauf an, das richtige Maß der Sicherheit zu finden.