Nach dem Zusammenschluß der Gewerkschaftenund der Wirtschaftsverbände haben sich nun auch die Industrie- und Handelskammern, "auf der Bundesebene" zusammengefunden. Angesichts der Forderung der Gewerkschaften auf Mitbestimmung und der in einigen Ländern schon angelaufenen Versuche zur Sprengung der traditionellen regionalen Wirtschaftsvertretungen, die ja die Handelskammern darstellen, war es an der Zeit, die eigene Daseinsberechtigung zu dokumentieren. Mit dem Namen "Deutscher Industrie- und Handelstag" wurde an die Vergangenheit einer Organisation angeknüpft, die von 1861 bis 1935 Weltgeltung besaß.

Die Anwesenheit von Dr. Heuß gab diesem Taufakt den besonderen Akzent. Von der Neuformung "aus Selbstverantwortung und Selbstverwaltung" ausgehend, sprach er davon, man solle die Staatliche Bürokratie nicht durch einen Bürokratismus der Selbstverwaltung ersetzen.

Auch die Ministerbank war dem Ereignis entsprechend besetzt. Ministerpräsident Altmeier, Wirtschaftsminister Erhard, Wiederaufbauminister Wildermuth, Verkehrsminister Seebohm, einige (mehr oder minder "bestätigte") Staatssekretäre waren nebst einer stattlichen Anzahl namhafter Vertreter aus Politik und Wirtschaft erschienen. Der Gewerkschaftsbund hatte die Einladung weder beantwortet noch befolgt.

Das Hauptreferat des neugewählten Präsidenten, Dr. Alfred Petersen, Frankfurt, mit dem zum erstenmal ein Mann der Technik an der Spitze der deutschen Handelskammern steht, war eine grundsätzliche Stellungnahme zur Wirtschaftspolitik der Gegenwart, ein Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft und die Ablehnung jeder staatlichen Intervention durch Planung und Lenkung. Zur Lösung des Verhältnisses zu den Arbeitnehmern, wozu nunmehr die Voraussetzungen gegeben seien, forderte Petersen einen Deutschen Wirtschaftsrat mit Initiativrecht auf Bundesebene als gemeinsame Vertretung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern.

Auch Prof. Erhard sprach sich für die Beibehaltung der Industrie- und Handelskammern aus. Er meinte, nur der "Mut der Verzweiflung" der von den tatsächlichen Erfolgen widerlegten politischen Ideologen könne heute noch nach Planwirtschaft rufen, und unterstützte seine Behauptung, daß alles bisherige staatliche Planen falsch gewesen sei, sehr eindrucksvoll mit der Geschichte von dem mangelnden Transportraum, der zur Verwendung dringend anderwärtig benötigter Mittel für Wagenbestellungen bei den Nachbarstaaten geführt hatte, wogegen jetzt die Bundesbahn, wegen der Überkapazität des Transportraumes, die Aufträge an die deutsche Waggonindustrie abstoppte.

Bemerkenswert war die Festellung, daß, trotz weitgehenden Ausfalles der öffentlichen Mittel, die Investitionen des 3. Quartals die vorverantschlagten 3 Md. DM überschritten hätten, ebenso wie sein Votum, daß Kapital weder vom Staat noch von der Zentralbank "gezaubert" werden könne, sondern erarbeitet werden, müsse. Die Förderung nach einer vernünftigen Steuerpolitik, mit dem Ziel der privaten Kapitalbildung in allen Bevölkerungskreisen, war deutlich an die Adresse der Fiskalisten gerichtet. Daß der Weg aus Armut und Not nicht nur über Sparen und Verzichten führen müsse, sondern auch über Mehrarbeit möglich sei, wurde als "Non-austerity-Politik" sympathisch begrüßt.

Der deutsche Handelstag ist also wieder da, sind wenn sich nun auch noch die Arbeitgeberverbände zusammenschließen, dürfte nichts mehr Im Wege stehen; zusammen mit den Gewerkschaften an die Neuordnung der sozialen Ordnung in der Wirtschaft zu gehen, wozu Präsident Heuß dem Handelstag die schwere, aber dankbare Aufgabe stellte, "als Element der Versachlichung der Beziehungen von Mensch zu Mensch in der Politik zu wirken". R. E. L.