Menschen zwischen Baum und Borke – Wartezeit im Niemandsland

Von Jan Molitor

Das "Wilde Lager" unweit der Flüchtlingsbaracken von Uelzen, in dem mehr als hundert "nichtregistrierte Personen" hausten und das in den letzten Wochen viel Aufsehen erregt hat, ist aufgelöst worden. Die Insassen wurden vorläufig in einer Baracke untergebracht. Ein Stein des Anstoßes wurde beseitigt Doch die Not der Illegalen bleibt...

"Gesprengt... niedergebrannt..." So starke Ausdrücke gebrauchte eine Frau, die auf der Straße von Uelzen nach dem Weg zum "Wilden Lager" gefragt wurde, und fügte hinzu: "Auf Befehl der Bundesregierung!" Oh, die Gerüchte reiten schnell... Als wir an Ort und Stelle waren, erklärte ein dort postierter Polizeibeamter: "Wir haben das ‚Wilde Lager‘ ausgehoben." Aber von Sprengung und Niederbrennung war keine Rede. Auch hatte nicht die Bundesregierung in Bonn, sondern das Flüchtlingsministerium in Hannover angeordnet, den Stein des Anstoßes zu beseitigen. "Mit vollem Recht", betonte der Polizeimann. Selbst die Insassen des "Wilden Lagers" hatten nichts dagegen. Nun saßen sie nicht mehr außerhalb des großen "Auffanglagers", sondern innerhalb der Umzäunung, in Baracke 31.

Ein "Wildes Lager" entsteht

Es ist ein Wäldchen, wo das "Wilde Lager" lag. Ein mageres Wäldchen, knapp hundert Schritt von jener weithin bekannten Barackensiedlung entfernt, in der die Flüchtlinge aus der Ostzone "aufgefangen", verpflegt und daraufhin geprüft werden, ob man sie "registrieren" kann oder nicht. Und wenn man’s bildhaft so ausdrückt, daß ein Strom von Flüchtlingen sich täglich über die Zonengrenze ins Land Niedersachsen ergießt, dann bleibt man im Bilde, wenn man sagt: das Auffanglager in Uelzen ist das Wehr. Die sperrigen Stäbe dieses Wehrs sind aus Verordnungen zusammengefügt, und viele bleiben darin hängen. Wer keine nahen Verwandten in Westdeutschland hat, die für ihn sorgen können und wollen, wird nicht durchgelassen; auch nicht derjenige, der nicht beweisen kann, daß es Verfolgung aus politischen Gründen war, die ihn über die Grenze jagte. Wer den Verordnungen entspricht, wird "registriert" und darf einwandern nach Westdeutschland; die anderen, die "Nichtregistrierten", werden aufgefordert, zurückzukehren, woher sie gekommen sind. Was aber, wenn sie nicht wollen, nicht können? – Nachdem Frau Schmidt im Auffanglager erfahren hatte, daß sie nicht registriert werden könne, und als sie merkte, daß alle Tränen ihr nichts nützten, ging sie mit ihren fünf Kindern die hundert Schritt zum mageren Wäldchen und blieb dort und grub sich ein. So wurde sie die Gründerin des "Wilden Lagers", das sieben Wochen dauerte, ehe es zerstört wurde. Mit Recht zerstört! "Das ‚Wilde Lager‘ stank zum Himmel", sagte der Polizeibeamte, "und von weither kamen die Leute und rochen daran." Bald nachdem Frau Schmidt und ihre Kinder sich unter den dünnen Bäumchen niedergelassen hatte, folgten andere "Nichtregistrierte" ihrem Beispiel. die sich unter freiem Himmel niederließen, Löcher in den Waldboden scharrten und Papphütten darüber errichteten. Schließlich waren es 118 Menschen, darunter 84 Kinder. Hätte man noch länger gezögert, so wäre noch eins hinzugekommen, denn eine kleine Weile und das Wäldchen hätte eine Entbindung erlebt. Zuerst sei das Leben noch erträglich gewesen, versicherte ein Bürger des "Wilden Lagers". Nach und nach sei es immer kälter geworden in den Nächten. "Aber zuletzt", sagte er, "husteten die Kinder wie die Wölfe. Es war die höchste Zeit, daß nun alle in die Baracke 31 kamen!" – "Die Baracke ist eng, nicht wahr?" – "Aber wann, das ist die Hauptsache!"

Es passierte in der letzten Oktoberwoche, daß dies "Wilde Lager" dem Erdboden gleichgemacht wurde, nachts um ein Viertel nach zehn Uhr. Die norddeutschen Wetterstationen hatten Kälteeinbruch und Stürme angekündigt. Plötzlich war das Wäldchen von Polizeibeamten umstellt. Man war heimlich vorgegangen, um zu verhindern, daß die "Aktion" Aufsehen errege. ("Das" fehlte noch, daß ein Skandal entstanden wäre!" sagte der Polizeibeamte. "Diese Erdlöcher im Wald haben gerade Skandal genug erregt!") Die Leute in den Löchern und unter den Pappdächern hörten also kurze Polizeianweisungen. "Rauskommen!" und "Hin zu den Lastwagen!" Das war indes nicht unfreundlich gesagt. Die Leute weckten ihre Kirder, packten ihre Habseligkeiten zusammen, und die Beamten halfen bei alledem. Aber natürlich hatte der nächtliche Alarm ihnen zunächst Schreien eingejagt. Eine Frau, die am Rande des Wäldchens hauste, stieß aufgeregt, wie sie war, eine Kerze um, die sie soeben angezündet hatte. Das Feuer setzte das Stroh in Brand, das sie innerhalb ihrer Hütte gegen die Kälte aufgeschüttet hatte. Im Nu loderte eine Flamme auf, fraß die Pappwände, fuhr einen Baum hinauf, an den die halbmannshohe Behausung angelehnt stand. Der Baum. war herbstlich bunt gewesen, jetzt war er kahl und winterlich. Die hell aufleuchtende Flamme über dem Wäldchen der "Nichtregistrierten" aber rief im großen Lager der "Registrierten" eine gewisse Panik hervor. "Wir sahen die Flamme –: sie stieg mindestens acht Meter hoch. Und wir hörten, daß da im Wäldchen ein Durcheinander war. Dachten wir doch nicht anders, als daß die Russen über die Grenze gekommen wären, um diese Flüchtlinge in die Ostzone zurückzuholen, denn die Sowjets machen ihre Aktionen auch immer nachts. Wir standen an dem Lagerzaun, Kopf an Kopf, und immer mehr Leute rannten aus den Baracken, immer mehr, alles junge kräftige Leute. Da stellte sich heraus, daß die Lastwagen zur westdeutschen Polizei gehörten, sonst Sie müssen helfen, daß Flüchtlinge ersten den Flüchtlingen helfen, wenigstens in der ersten Zeit."