Von Willy Wenzke

Das Wiedersehen mit den schmalen Gassen, den hochgegiebelten Häusern, dem grünen Teppich der Weinberge und dem Blick zur hohen Burg war so bezaubernd, daß es den Cochemern verziehen sei, wenn an diesen Tagen aus dem alten Martinsbrunnen nur simples Wasser sprudelte. Aber in allen Weinstuben von Cochem und Cond sprach man noch immer von jenem unlängst gefeierten Fest, bei dem wie einst der Martinsbrunnen guten echten Moselwein gespendet hatte. Dies also war einmal keines jener Cochemer "Stückelchen" gewesen, die das mit harten Kriegswunden versehene Mosel-Städtchen weit im deutschen Land als das "Mosel-Schilda" berühmt gemacht haben.

An der Moselstraße, jener prächtigen Allee zwischen den engen Straßen und dem beschaulichen Fluß, die abends und nachts leider nur spärlich beleuchtet wird, obwohl die Kandelaber viele Lichtquellen hätten, haben die Cochemer ja selbst einem ihrer "Stückelchen ein Denkmal gesetzt. Es erinnert an jenen Ziegenbock, der es wagte, in den Rebenbergen die Trauben zu fressen. Weil man aber auch im Cochemer Gesetzbuch Strafen für diebische Ziegenböcke nicht vorfand, kam man auf die Idee, den Bock in die Kelter zu bringen, um den genaschten Rebensaft zurückzugewinnen. Wie erstaunt war aber der hochgelahrte Rat der Stadt – denn in alter Zeit pflegte man viel öfter erstaunt zu sein als heute –, als die weißen Trauben, die der Bock geerntet hatte, plötzlich roten Saft gaben! Stutzig geworden, setzte der Rat die Ziegenbock-Folter aus und erklärte den Geplagten für unschuldig. Und da Unschuld geehrt werden muß, setzten die Cochemer dem Ziegenbock und ihrer Narretei ein Denkmal.

Man irrt nun aber, wenn man meint, diese Cochemer "Stückelchen" gehören alle nur der grauen Vergangenheit an. Ihre heitere Reihe wird auch heute noch ständig vermehrt; dafür scheint man in diesem Städtchen ein ganz besonderes Geschick zu haben. Wir aber wollen diesmal nur davon sprechen, was für ein erheiterndes "Stückchen" ihnen unlängst ganz wider Willen geschah...

Am Weihnachtsabend des Jahres 1944 hatten Bomben die alte Moselbrücke vernichtet, die Cochem mit Cond verbindet. Da, gab es für die Fähre, die man hierzulande noch unter der römischen Bezeichnung "Ponte" kennt, eine arbeitsreiche Zeit. Erst im Herbst 1947 begannen die Arbeiten zum Bau einer neuen Straßenbrücke. In der Hauptsache ist sie ein Werk des französischen Kreisdelegierten Cambournac. Wäre er nicht unermüdlich tätig gewesen, würde sie heute wohl noch nicht fertig sein. Aber nun schwingen sich drei weite Bogen harmonisch über den Fluß-Stolz weist man in Cochem darauf hin, daß diese Brücke die einzige an der Mosel sei, die mit heimischen Steinen verblendet wurde. Und gewiß ist sie auch eine der schönsten der 25 im Kriege zerstörten Moselbrücken.

Noch ist die Verkleidung der Brücke nicht ganz fertiggestellt, es fehlt leider immer wieder am notwendigen Geld im Landes-, Kreis- und Stadtsäckel. Da aber Monsieur Cambournac nach Frankreich zurückkehrt, wollte man ihn nicht gehen lassen, ohne in seiner Gegenwart die neue Brücke zu weihen. Daher wurden eines Tages auf der Brücke bunte Fahnen gehißt. Und alles, was zwischen Koblenz und Urzig Rang und Namen hat, versammelte sich zur feierlichen Weihe dieser Brücke des Friedens. Daß diese Feier dann plötzlich etwas kriegerisch ausfiel, konnten die Cochemer nicht verhindern ...

Sie konnten ja nicht ahnen, daß just an diesem Tage ihre Brücke in dem kombinierten Heeres- und Luftwaffen-Manöver "Agility II" unter Beteiligung französischer, britischer, amerikanischer und norwegischer Einheiten auf dem Übungsschlachtfeld Deutschland eine gewisse Rolle spielen würde.