Als Pferdmenges Mitte September auf der Hauptversammlung des Stahlvereins die Finanzlage des schwer angeschlagenen Konzerns als gesund und die innere Lage des Unternehmens als gefestigt bezeichnet hatte, schien es, als ob ein Silberstreifen über dem grauen Himmel des Ruhrgebiets aufzöge ... Gut einen Monat später haben nun die Mannesmannröhren-Werke seit 1943 die erste Hauptversammlung abgehalten, und Wilhelm Zangen erklärte als Vorsitzender des Aufsichtsrates: "Wenn wir alle Verluste berücksichtigen, haben wir noch heute ein Vermögen in der Gesellschaft, das den Nominalwert unseres Aktienkapitals von 160 Mill. RM voll in DM deckt."

Dieses Fazit ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen vorsichtigen Finanzgebarung, das Ergebnis einer Pflege und Werterhaltung des Betriebes, der stets in sich organisch gewachsen blieb und nach dem Prinzip höchster Wirtschaftlichkeit nach innen, höchster Qualitätsleistung nach außen geführt worden war. Wie stark das Unternehmen Selbstfinanzierung betrieben hatte und die eigenen Reserven aufbaute, wird erst jetzt nach 25 Jahren so richtig klar. Diese weitsichtige Politik spiegelte sich nach außen nur darin wider, daß Mannesmann im Durchschnitt der letzten 25 Jahre seinen rund 40 000 Aktionären nur 3,3 v. H. Zins als Dividende gezahlt hatte. Man hat in den früheren Jahrzehnten – nicht nur bei Mannesmann – oft auf Aktionärseite (und vor allem an der Börse) eine solche Thesaurierungspolitik der Verwaltungen bemängelt. Heute beweist sie sich als richtig und als die beste Sicherung für das in Aktien angelegte Sparkapital. Es zeigt ferner, daß Aktionäre und Verwaltungen nicht immer "Spekulanten", "Kursgewinnler", "Kuponabschneider" usw. sind, sondern zuweilen bessere "Sparkassendirektoren" als die Mündelsicheren! Denn praktisch bedeutet diese Mitteilung, daß ein Kurs von 100 v. H. für die Mannesmann-Aktie bilanzmäßig gerechtfertigt ist, oder anders ausgedrückt, daß derjenige Kleinsparer, der sein Geld in einigen Aktien dieser Gesellschaft angelegt hatte, nicht 1 : 10, sondern unverhältnismäßig besser, vielleicht sogar in einiger Zeit 1:1 aus der Währungsreform herausgehen wird.

Da aber das Gesetz 75 die Liquidation von Mannesmann vorsieht, da ferner die großen Zechen und Werke, praktisch die gesamte Kohlen- und Stahlbasis, ferner die Röhrenproduktion der "Entflechtung" zum Opfer gefallen ist, ist es noch ungewiß, wie weit das Vermögen den Aktionären verbleiben wird. Wenn man die Hoffnung äußerte, daß trotz der "geschäftslähmenden und nervenzermürbenden Entflechtung" das Unternehmen aus dem Schmelztiegel der Neuordnung in möglichst wenig veränderlicher Form wiedererstehen möge, und die Stellen, die diese Dinge anordnen, einen fairen Weg finden sollten, so muß man von einer vorurteilslosen und nicht vom Konkurrenzgefühl getragenen Prüfung die Feststellung erwarten, daß dieses Werk weder überdimensioniert war noch eine Beherrschung des Marktes erreichen konnte. R.