Von unserem südamerikanischen Sonderkorrespondenten Ernst Samhaber

Buenos Aires, Ende Oktober

Am 17. Oktober feierte Argentinien den "Tag der Treue" in Erinnerung an den Tag vor vier Jahren, als General Perón von seinen Gegnern seines Postens als Kriegsminister enthoben und als Gefangener auf eine Insel im La-Plata-Strom gebracht wurde. Damals erhoben sich die Arbeitermassen von Buenos Aires und setzten mit Gewalt die Rückberufung Peróns in die Macht durch. Ihre Stimmen waren es dann auch, die ihn wenige Monate später in verfassungsmäßigen Wahlen auf den Präsidentensessel führten.

Der Aufstand der arbeitenden Bevölkerung zugunsten Peróns kam vielen seiner Gegner und selbst manchem seiner Anhänger überraschend. Perón galt als Offizier und Anhänger einer Militärdiktatur. Er konnte kaum Aussichten haben, die arbeitenden Schichten für sich zu gewinnen. Es wurde angenommen, der Einfluß der sozialistischen Gewerkschaften und der kommunistischen Agitatoren sei viel zu fest verwurzelt, als daß ein Soldat hoffen dürfte, sie ersetzen zu können. Wenn es dennoch gelang, am 17. Oktober 1945 gerade die Arbeiterschaft zu veranlassen, auf die Straße zu gehen und in den bewegten Szenen an der Plaza San Martin sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um den gestürzten Minister und Obersten zurückzurufen, dann kommt dieses Verdienst seiner Frau zu, Eva Duarte, die erst kurz zuvor diesen Mann geheiratet hatte,

Frau Eva Duarte de Perón, die selbst aus dem Volke stammt und seine Sprache spricht, hat den sozialen Gedanken in den Vordergrund gestellt und ein Hilfswerk auf nationaler Grundlage errichtet, wie es Südamerika bis dahin unbekannt war. Eine gewaltige Organisation erstreckt sich über das ganze Land und versucht, den Lebensstandard der unteren Schichten zu heben. Mit einem Schlage wurden soziale Gesetze eingeführt, die zu den fortschrittlichsten der Welt zählen, und dabei dürfen wir nicht vergessen, daß bis 1943 der soziale Gedanke in Argentinien so gut wie unbekannt war. Bis zu diesem Zeitpunkt herrschte eine Großgrundbesitzer-Aristokratie, die alle Macht in den Händen hielt und auf deren Seite immer das Recht lag, schon deswegen, weil sie allein es auszulegen hatte.

Zwei Parteien hatten einander in Argentinien in der Herrschaft abgelöst, die Radikalen, die die Ackerbauern – und damit die Söhne der italienischen Einwanderer vertraten – und die Konservativen, Nationaldemokraten genannt, die die Interessen der Viehzüchter und damit der alteingesessenen argentinischen Familien wahrnahmen. Die Militärerhebung des Juni 1943 setzte zwar den konservativen Staatspräsidenten Castillo ab, zeigte konservative Neigungen, wie das dem argentinischen Offizierkorps entsprach. Erst Perón und nicht zuletzt Frau Perón haben die große Wandlung gebracht. Heute steht in Argentinien der Arbeiter im Vordergrund des politischen Lebens.

Der "Tag der Treue" sollte das erneut erweisen. Von aller Frühe an marschierten die Arbeiter in geschlossenen Kolonnen in die Stadt, um sich. an verschiedenen Plätzen, vor allem vor dem Regierungsgebäude an der Plaza de Mayo zu versammeln. Es gelang, an die hunderttausend Menschen zusammenzubringen. Tausende waren mit Lastkraftwagen und Omnibussen aus der Umgebung in die Hauptstadt geführt worden, um die Frau des Staatspräsidenten und verantwortliche Ministerin für Sozialfürsorge sprechen zu hören. Ihre Rede brachte erneut die Erklärung, daß ihre ganze Arbeit den "Hemdlosen" gelte, von denen sie sich niemals trennen werde. Der soziale Gedanke in Argentinien sei in der Gestalt des Führers, nämlich Peróns, fest verankert. Denn es sei die arbeitende Bevölkerung gewesen, die vor vier Jahren zu Perón gestanden habe.

In den letzten Monaten sind wiederholt Gerückte umgelaufen, die von einer stärkeren Hinneigung Peróns zu den Nationalisten und zur Armee gesprochen haben. Der Wechsel des Außenministeriums galt vielen als Beweis, daß eine Wandlung der Innenpoltik bevorstünde. Demgegenüber hat der "Tag der Treue" den Einfluß von Eva Perón wieder stark in den Vordergrund gerückt und gezeigt, wie stark heute die unteren Volksschichten bereits in die Politik eingebaut sind. Es gibt keine Möglichkeit, sie aus dieser Schlüsselstellung zu verdrängen, ohne schwere Unruhen hervorzurufen. Wenn Peron gestürzt würde oder wenn er seine Politik unter äußerem Druck abändern müßte, könnten die Arbeitermassen nur nach links, also in die Arme des Kommunismus abgedrängt werden. Das wäre eine Entscheidung, die auch des Nordamerikanern sehr unangenehm sein müßte. Eine Rückkehr zu den Zuständen vor dem 17. Oktober 1945, also zur alten Vorherrschaft einer dünnen Oberschicht von Großgrundbesitzern erscheint endgültig überholt. So wird das System Perón auch weiterhin nicht nur von den argentinischen Arbeitern, sondern auch von den USA gestützt werden.