Die deutsche Briefmarke wurde 100 Jahre alt

Es ist sicher nicht wahr, daß die Briefmarken nur erfunden worden sind wegen der Briefmarkensammler. Im Anfang war die einfache nackte Zahl, eine arabische Eins oder Zwei, im Mittelpunkt der Marke abgebildet. Die erste deutsche Marke (sie stammt aus Bayern und wird in diesen Tagen hundert Jahre alt) war ein Wertzeichen und nichts anderes. Das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Heute stehen die Zahlen links oder rechts in einer Ecke, und wo sie doch noch einmal das Bild der Marke prägen, gilt die Post dieses Staates für phantasielos. Heute sind Marken Kunstwerte, Sammelobjekte, Repräsentationen des Staates, Propagandaträger und schließlich auch – Wertzeichen. Die Geschichte der Briefmarke ist ein Stück Menschheitsgeschichte: sie zeigt unsere Größe und Schwäche.

Wenn jemand auf einer Briefmarke abgebildet wird, so ist das ein sicheres Zeichen für Berühmtheit. Die Millionen-Auflagen seiner Werke können einen Dichter kaum besser vor der Vergessenheit schützen als sein Konterfei auf einer kleinen Marke. Da ist er dann im Brustbild zu sehen, arg retuschiert natürlich und bisweilen mit schmachtenden Blicken und Lockenhaar. Manchmal sieht man auch einen Mann mit buschigem Schnurrbart, strengen Augen und einer Brille. Dann weiß man, das ist ein Ministerpräsident. Als ich ein Kind war, wünschte mein Vater eines Tages, ich solle Briefmarken sammeln. Und da geschah es, daß mir an einem Abend Marken in die Hände gerieten, blau, violett und rosa gefärbt. Eine junge Frau war auf ihnen abgebildet, die traurig lächelte. Um die Marken war ein dicker schwarzer Rand. Mir ahnte schon Schlimmes, als ich mit den Marken zu meinem Vater ging. Er erklärte mir, daß die abgebildete Frau die Königin von Belgien sei, die wenige Wochen zuvor bei einem Autounfall tödlich verunglückt war. Und als mein Vater eine Stunde später zu mir trat, saß ich immer noch vor den Marken. "Aber sie sind doch gar nicht so wertvoll", sagte er. Ich hatte aber gar nicht mehr an die Marken gedacht, ich dachte nur: "Arme Königin..."

Für gewöhnlich freilich gelingt es den Königen noch am ehesten, auf die Briefmarke zu kommen, auch ehe sie tot sind. Bisweilen erreichen sie es sogar, ohne irgendwelche Verdienste zu haben. Überhaupt ist das mit den Verdiensten der Leute auf den Marken so eine Sache. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Propaganda der Briefmarke bemächtigt und sie als Exponent von Weltanschauungen, Staatsideen, Doktrinen und Parteien benutzt. Daher kam es auch, daß die Propagandamarken im Dritten Reich bisweilen sehr imponierend wirkten. Auch Sowjetrußlands Post gab Marken heraus, die manchmal schon allein in ihrer Größe beinahe einer kleinen Ansichtskarte ähnelten. Von solcher Art Propaganda können sich noch andere Staaten nicht freisprechen: es gab zum Beispiel in Polen zwischen 1918 bis 1939 auf den Marken immer wieder Abbildungen historischer Ereignisse, auf denen Polen eine größere Rolle spielte als in seiner wirklichen Geschichte. Da gehen nun solche kleinen Marken auf den Briefen hinaus in die Welt und wirken wie ein Bazillus: wenn man den Brief liest, haben sie sich schon festgesetzt und zu wirken begonnen. Dann kommt der nächste Brief mit dem nächsten Bazillus, und eines Tages sind sie vielleicht genug, um Unruhe zu stiften.

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Der 100. Geburtstag der Briefmarke wurde in ganz Deutschland gefeiert. In Hamburg eröffnete die "Hammaposta" eine Ausstellung in der Kunsthalle, auf der alte und neue deutsche Marken in großer Vielzahl und mit solcher Sorgfalt ausgestellt sind, daß es nicht nur jedes Philatelisten Herz erfreut, sondern ein Stück Geschichte spiegelt. Aber es gibt Länder, die eigentlich noch mehr Grund haben, dieses Geburtstagskind zu feiern als etwa Deutschland. Sie leben nämlich von Briefmarken. Liechtenstein zum Beispiel gibt laufend neue prächtige Briefmarken heraus und bekommt von den Sammlern aus aller Welt Devisen herein, und so auch Andorra oder San Marino. Und wenn man sich überlegt, daß es Länder gibt, die sich durch Spielbanken finanzieren lassen, ohne daß man sie als unmoralische Gebilde bezeichnet, dann wird man zugeben müssen, daß das Leben von Briefmarken eine ausgesprochen seriöse Angelegenheit ist.

Adrian Meierholt