Rationalierung sei wieder einmal der "letzte Schrei organisatorischer Modeschöpfung", erklärte Wirtschaftsprüfer Dr.-Ing. Otto Bredt, Vorsitzender des Rationalisierungsausschusses der Deutschen Wirtschaft (RAW) auf der Ersten Internationalen Rationalisierungstagung, die neulich in München stattfand. In den letzten dreißig Jahren spukte das Wort Rationalisierung dreimal in den Gehirnen der Unternehmer und Wirtschaftspolitiker. Das erstemal war es 1924/25, nach Beendigung der Milliardenwirtschaft, das zweitemal in den verrückten Zeiten von LSÖ und RPÖ, von Voll- und Überbeschäftigung. Heute, Anno 1949, flattert die Rationalisierungs-Fahne wieder im Winde.

Was hat man aber aus der dreißigjährigen Rationalisierungsgeschichte gelernt? Dr. Kurt Pentzlin, Vorstandsmitglied der H. Bahlsens Keksfabrik AG Hannover, wußte darauf folgende Antwort: nicht immer wieder, sondern immerzu rationalisieren (wie ja auch nicht nur in mageren Zeiten, sondern auch in fetten Zeiten geworfen werden soll!). Man beginne dabei ruhig in den "Außenbezirken" der Lagerhaltung, des Rechnungswesens, der Materialbeschaffung und der Verwaltung und Sturze sich dann mit den freigewordenen Geldern auf die kapitalintensive Rationalisierung des Maschinenparkes! Rationalisiert ein Unternehmer erst dann, wenn die Krise ihn an der Kehle packt, dann kann die Depression mit Massenarbeitslosigkeit und Kaufkraftschwund leicht verstärkt werden. nationalisiert werden, muß auch in der Konjunktur, aber nicht nur technisch-maschinell und nicht nur kommerziell, sondern auch psychologisch arbeitsmäßig. Hierbei wird auch deutlich, daß die Rationalisierung nicht mit der Leistungssteigerung beginnt, sondern mit der Aufwandsgestaltung, mit der Ausschüttung von "Sozialdividenden" für die Erziehung und Ausbildung der Arbeiter, für ihre sportliche und gesellschaftliche Betätigung und für den Bau einer eigenen Wohnung. Hier liegt der Angelpunkt für das Problem "Der Mensch im Betrieb". Denn woran ist der Arbeiter am stärksten interessiert? 1. An einer guten Entlohnung samt Gewinnbeteiligung, 2. an der Arbeitsplatzsicherheit, 3. an Aufstiegsmöglichkeiten und 4., daß der Chef sich einmal mit ihm "beschäftigt".

Ende gut, alles gut – dieses Sprichwort galt auch für die Konferenz. Direktor Rudolf Müller, Lebensmittelgroßhändler und Inhaber der Firma Bernhard Müller AG, Augsburg, der Gründer des ersten Selbstbedienungsladens Deutschlands, sollte "fahrplangemäß" über die Rationalisierung im Warenhandel sprechen. Er tat aber mehr als das. Er demonstrierte nicht nur an seiner Firma die noch nicht allgemein anerkannte Tatsache, daß man nicht reich sein muß, um zu rationalisieren, sondern daß man rationalisieren muß, um reich zu werden, um hohe Löhne zahlen zu können. Direktor Müller gab auch ein Beispiel dafür, daß zu einer echten Rationalisierung einechter Unternehmertyp gehört, der sein betriebsorganisatorisches "Geheimnis" offen auf den Tisch des Hauses legt und die Konkurrenten "mit Gewalt" herausfordert, das "Kunststück" nachzuahmen, der mit gutem Rat und einer partiellen Übernahme von Insertionskosten dem tüchtigen Kleinhändler auch einmal unter die Arme greift und der den Gedanken verficht: "Rationalisieren heißt in erster Linie: die Preise senken." N. M.