Dieser Tage wird das im letzten Kriegsjahr fast völlig zerstörte Werk Harburg der Deutschen Shell A. G. wieder in Betrieb genommen, das, nach dem Neuaufbau, eine Kapazität von 440 000 t Rohöl im Jahr besitzt, also einen wesentlichen Beitrag für die Versorgung des deutschen Marktes mit Mineralölerzeugnissen leisten kann. Zur Verarbeitung ist vornehmlich Rohöl aus dem Mittleren Osten vorgesehen, in erster Linie Irak-Öl, das besonders reich an leichten Bestandteilen ist und daher eine verhältnismäßig hohe – etwa 60 Prozent – Ausbeute an Benzin und Gasöl gewährleistet.

Für den Transport des Irak-Öls nach Harburg werden in der Regel 10 000-t-Tanker eingesetzt, die für ihre Reise von Tripolis, dem Verschiffungshafen in Syrien, im Durchschnitt etwa 14 Tage brauchen. Tripolis ist einer der Ausgangspunkte einer bereits 1934 fertiggestellten Pipeline von 12 Zoll Durchmesser, die das bedeutendste Ölzentrum des Irak, das Kirkukfeld, mit dem östlichen Mittelmeer verbindet. Eine südliche Abzweigung dieser Ölleitung endet in Haifa, wohin jedoch gegenwärtig kein Rohöl aus dem Irak fließt, da die Araber diese Leitung gesperrt haben. Außer dieser alten Pipeline ist vor kurzem noch eine neue Ölleitung von Kirkuk nach Tripolis in Betrieb genommen worden, deren Durchmesser 16 Zoll beträgt und die täglich etwa 13 000 t Rohöl befördern kann. Die Kapazität beider Leitungen stellt sich auf 19 000 Tonnen täglich. Der Bau einer weiteren Ölleitung von Kirkuk zum Mittelmeer mit einem Durchmesser von 30 Zoll ist geplant. Ohne die Einschaltung der im Bau sehr kostspieligen, im Betrieb aber verhältnismäßig billigen Pipelines und ohne den Einsatz moderner Tankschiffe wäre die Überbrückung der in Frage kommenden Entfernungen – etwa 7500 km – zu wirtschaftlich tragbaren Kostensätzen nicht möglich. Da der überwiegende Teil der Rohöleinfuhren über Hamburg hereinkommen wird, gewinnt der zu erwartende Tankerverkehr auch für den Hamburger Hafen immer mehr an Bedeutung.

Die Erdölvorkommen des Iraks haben seit der Jahrhundertwende etwa in der Weltpolitik eine gewisse Rolle gespielt. Es sei in diesem Zusammenhang nur auf das Projekt der Bagdad-Bahn hingewiesen. Bei den damals mit der türkischen Regierung getroffenen Vereinbarungen wurden den deutschen Vertragspartnern auch Erdölkonzessionen in Aussicht gestellt, die allerdings niemals praktische Bedeutung gewannen. Im Jahre 1912 erfolgte die Gründung der Turkish Petroleum Co., in der englische und deutsche Interessen vereint waren. Auf deutscher Seite war die Deutsche Bank mit 25 Prozent und auf englischen Seite u. a. die Shell-Gruppe mit ebenfalls 25 Prozent beteiligt Die deutsche Beteiligung ging mit dem ersten Weltkrieg verloren. Nach der Entdeckung des reichen Kirkuk-Feldes interessierten sich auch amerikanische Ölgesellschaften für eine Beteiligung am Irak-Öl, ebenso die französische Regierung, und nach langen Verhandlungen kam schließlich eine Einigung auf der Grundlage zustande, daß je 23,25 v. H. der Aktien der ehemaligen Turkish Petroleum Co. – seit 1931 Irak-Petroleum Co. – in den Besitz der Shell, der Anglo-Iranian Oil Co., der Standard-Vacuum sowie der Cie. Francaise des Petroles übergingen, während die restlichen 5 v. H. von dem Finanzmann G. S. Gulbenkian erworben wurden. – Die Mosul-Petroleum Co. und die Basrah-Petroleum Co. sind beide als Tochtergesellschaften der Irak-Petroleum Co. zu betrachten.

Die erste Bohrung auf dem Kirkuk-Feld wurde im Juni 1927 angesetzt. Bis Ende 1947 sind insgesamt 80 Bohrungen niedergebracht worden, deren Zahl sich inzwischen weiter erhöht hat, und deren potentielle Produktion erheblich höher ist, als ihre tatsächliche, die bisher auf 4,3 Mill. t .jährlich beschränkt bleiben mußte, weil die Transportkapazität der Pipeline keine höhere Leistung zuließ.

Der Irak birgt, wie bekannt, nur einen Teil der Erdölvorkommen des Mittleren Ostens, deren Entwicklung besonders in den letzten Jahren riesige Fortschritte gemacht hat. Die gesamte Produktion dieser Gebiete belief sich 1948 auf 56. 8 Mill. t, wovon 25,3 Mill. t auf Iran, 19.3 auf Saudi-Arabien, 6,4 auf Kuwait, 4,3 auf Irak und 1,5 Mill. t auf die Bahrein-Inseln entfielen. Im Jahre 1938 waren es insgesamt nur 16 Mill. t, so daß sich die Produktion in den vergangenen zehn Jahren fast verfünffacht hat. Setzt man diese Zahlen in Vergleich zur Weltproduktion, so erkennt man, daß sich der Anteil des Mittleren Ostens von 5. 7 v. H. im Jahre 1938 auf 12,1 v. H. im Jahre 1948 erhöht hat. Für 1951 rechnet man im Mittleren Osten mit einer Gesamtproduktion von etwa 100 Mill. t, 1956 mit 155 Mill. t.

Nutznießer dieser Entwicklung wird die westeuropäische Wirtschaft sein – und damit auch Westdeutschland –, da Westeuropa infolge seiner geographischen Lage ja das gegebene Absatzgebiet für die Rohöle des Mittleren Ostens ist, zumal dann, wenn die bereits im Bau befindlichen oder geplanten neuen Pipelines von Saudi-Arabien, Kuwait und aus dem Iran zum örtlichen Mittelmeer in Betrieb kommen werden. Westdeutschland wird daher wohl im Rahmen des fortschreitenden Ausbaues seiner Raffineriekapazität in steigendem Umfange zur Verarbeitung von Mittelost-Ölen übergehen und "nach Plan" 1952/53 bereits über drei Mill. t einführen. Auch wenn sich bis dahin die erhoffte Steigerung der deutschen Rohölproduktion auf jährlich 1,5 Mill. t realisieren sollte, wird sie ja zur Deckung des ständig steigenden Bedarfs nicht ausreichen. Se.