Wird Europa-Universität Wirklichkeit?

Brüssel, im Herbst 1949

Die an Geschichte so reiche, im flämischen Teil Belgiens gelegene Stadt Brügge wurde von der europäischen Bewegung zum Sitz einer zukünftigen europäischen Universität bestimmt. Der ehemals wohlhabende Handels- und Hafenplatz präsentiert sich dem fremden Besucher auch heute noch in seiner unangetasteten mittelalterlichen Schönheit.

Hier versammelte in den letzten Wochen das "Europa-Kolleg" 22, von den nationalen Europa-Bewegungen ausgewählte junge Menschen aus fast allen Ländern Europas, um über die geistigen Voraussetzungen für eine "Europäische Universität" zu beraten, die diesen Namen wirklich verdient. Sie soll im November 1950 ihr erstes Semester beginnen.

Die Bildung eines europäischen Bewußtseins, eines der Hauptziele der zukünftigen Europa-Universität, nahm in diesen kurzen Wochen bereits greifbare Formen an. Es sei dabei nicht verschwiegen, daß die deutsche Sprache in vielen Fällen eine Brücke zwischen den Menschen verschiedener Nationen schlug. Nur zwei verstanden sie nicht. Man plant darum auch, bei dem im nächsten Jahr beginnenden Semester die deutsche neben der augenblicklich vorherrschenden französischen und englischen Sprache gleichberechtigt zuzulassen. Je nach Bedarf soll eine Erweiterung für Italienisch, Spanisch und so weiter folgen.

Wie die europäische Universität in Brügge einmal aussehen wird, ist noch nicht völlig klar. Dafür sollte ja dieses Kolleg erst allgemeine Anhaltspunkte ergeben. Man machte eine Probe aufs Exempel, deren Resultate dem Europa-Rat in Straßburg zugeleitet werden. Die Europa-Bewegung wird mit dem Europa-Rat in dem Jahr bis zur Eröffnung des ersten Semesters eine Plattform finden müssen, auf der die praktische Arbeit basieren kann.

Das allgemeine Thema für das inzwischen beendete Kolleg lautete: "Unterricht in Geschichte und Formung eines europäischen Geistes an den Universitäten". Weitaus die meisten Teilnehmer hatten Geschichte studiert. Studienleiter war der Lektor am Oxford Wadham College, John Bowle.

Was könnte einen wahrhaft europäischen Geist besser zeigen als die Geste eines französischen Studenten, der sich auf den blutgetränkten Boden der Schlachtfelder von Ypern demonstrativ einem deutschen Studenten zugesellt, der, in Gedanken versunken, abseits stand. Gemeinsam gingen sie wortlos an den Gräbern der Gefallenen entlang; gemeinsam gingen sie am nächsten Tag wieder an die Arbeit. Egon E. Merten