Man ist daran gewöhnt, daß Industrien und Grund und Boden, gelegentlich auch die Ärzte und häufig der gesunde Menschenverstand verstaatlicht werden. Die Verstaatlichung der Kirche, die das neue Kirchengesetz in der Tschechoslowakei, einem überwiegend katholischen Lande, am 1. November einführte, ist jedoch zweifellos ein Novum. Seit Sowjetrußland in Osteuropa etwa 43 Millionen Katholiken in seinen Herrschaftsbereich einbezog, nimmt der Kampf zwischen Kurie und Kreml immer heftigere Formen an. Es ist ein Kampf auf Leben und Tod, denn der Lebensraum der Kirche: die Gewissensfreiheit des einzelnen, ist von dem Totalitätsanspruch der kommunistischen Lehre aufs schwerste bedroht.

Der Kreml hatte sich zunächst in den Satel- – Uferstaaten darauf beschränkt, die überstaatlichen "unredlichen Bestrebungen der hohen katholischen Hierarchie" gegen den einfachen Klerus auszuspielen, und dem Vatikan blieb nichts anderes übrig, als immer aktiver in seiner Politik zu werden und schließlich seine schärfste Waffe, das Exkommunikationsdekret, einzusetzen. Anfang September nun wurde von der Prager Regierung das neue Kirchengesetz beschlossen, das die Besoldung der Geistlichkeit durch den Staat zum Gesetz machte und einem neuzugründenden Kirchenministerium die gesamten kirchlichen Aufgaben unterstellte – wahrscheinlich glaubte der Kreml in der von jeher für nationalistische Argumente empfänglichen Tschechoslowakei am ehesten eine Los-von-Rom-Bewegung in Gang zu bringen. Die erste Reaktion war eine geheime Botschaft des in seinem Palast gefangenen Erzbischofs Beran, in der er jede Zustimmung zum Kirchengesetz als "Verrat an der Lehre Christi" bezeichnete. Über. 300 Geistliche wurden in die Gefängnisse geworfen zu den etwa 50 000 Zivilisten, die sich dort bereits befanden.

Nun aber ist vor einigen Tagen eine seltsame Wandlung eingetreten: das tschechoslowakische Episkopat hat den Klerus angewiesen, einen bedingten Treueid zu leisten und die Gehaltszahlungen des Staates anzunehmen. Der neue Kirchenminister Cepicka triumphiert und meint, er habe den Kulturkampf gewonnen, weswegen denn auch Präsident Gottwald am Sonntag die Freilassung von 127 katholischen Geistlichen anordnete. Aber der Vatikan hat ein anderes Zeitmaß als die sowjetischen Machthaber. Er kann heute scheinbare Niederlagen in Kauf nehmen, weil er weiß, daß alles darauf ankommt, die Lehre für morgen zu bewahren. Dff.