Deutsche Erstaufführung in Düsseldorf

Düsseldorf, Anfang November

Ein Stück, nach dem Theaterdirektoren la ihren Wunschträumen fahnden, ist "Der Fall Winslow". Gustaf Gründers hat diesen Glücksfund gemacht Sein Düsseldorfer Spielplan bekam Wind in die Segel, Gründgens eine Rolle nach Maß, und der Kassenrapport wird volle Häuser verzeichnen. Der Autor dieses Reißers mit Ethos ist in Deutschland bekannt durch seine Komödie "Liebe im Müßiggang". Er heißt Terence Mervyn Rattigan, wurde 1911 in London geboren und erlebte mit seinen bekanntesten Stücken – ".Französisch ohne Tränen" und "Während die Sonne scheint" – mehr ab, tausend Aufführungen. Bin Schauspiel vom Aufstieg und Fall Alexanders des Großen gilt als das beste historische Drama des modernen England. Die Art, wie Rattigan in "Winslow Boy" historische Tatsachen bühnengerecht, doch ohne Einbuße an sittlicher Würde verarbeitet, macht solch ein Urteil glaubwürdig. Denn auch die Fabel dieses Stücks stützt sich auf ein Ereignis der Zeitgeschichte, Vor dem ersten Weltkrieg, erregte der Fall Archer-Shee in England öffentliche Meinung, Gericht und Admiralität. Ein vierzehnjähriger Kadett war wegen eines winzigen Kameradendiebstahls allein auf den Indizienbewise hin aus der Marine entlassen, worden. Der Vater bemühte zur Wtederherstellung der Ihre einen der berühmtesten Anwälte des Landes Und in ermüdenden Kämpfen erreichte dieser schließlich nach Unterhausdebatten, Petition of Right an die Krone und ordentlichem Gerichtsverfahren die Rehabilitierung.

Rattigans brillante Leistung ist nicht nur die Herstellung eines Bühnenstücks mit der Spannung jedes Justizfalls, mit milieuechter Abbildung englischen Familienlebens, umrißsicheren Typen der Gesellschaftskomödie und einem Dialog, der sitzt und die großen Worte mit trockenem Humor abfängt. Dieses Theaterstück gibt dem Zuschauer zugleich einen so hohen Begriff von der Idee des Rechts, daß die Winzigkeit des Anlasses ebenso wenig wie die patriotische Verklärung eines Landes, in dem die Öffentlichkeit sich derart mit der gekränkten Ehre eines vierzehnjährigen Individuums beschäftigt, dem Stoff und seiner Behandlung etwas von ihrer Würde nehmen. Die Losung der Petition of Right, die den Weg zur Klage gegen die Krone freigibt – "Lasset Recht geschehen!" – klingt wie eine frohe Botschaft, wenn sie gegen Selbstgefälligkeit von Behörden auch von den Bühnen unseres Landes tönt.

Den großen Anwalt spielt Gründgens: elegant, diszipliniert, verhalten. In seinem Schweigen war die Atmosphäre von Bedeutung, seine Pointen fielen fast lautlos und zündeten unfehlbar. Er schien mit der vermeintlichen Kälte, dem Fischblut und den Tricks, die ihm die Rolle nachsagte, so sehr sich selbst zu spielen, daß es ihn zuweilen sichtlich amüsierte. Um so stärker wirkte dann das unpathetische Bekenntnis zum Recht. Ludwig Cremer hatte eine vortrefflich abgestimmte Inszenierung, um diese Zentralrolle gebaut (mit einem Bühnenbild von Herta Böhm). Otto Ströhlin, Adelheid Seeck, Gerda Maurus und Hermann Weiße müssen wenigstens genannt werden.