Das also war T. S. Eliot! Das also war der "Revolutionär", der "große Beweger unserer Zeit" ... Nein, mag ihn die Literaturgeschichte unserer Tage getrost so nennen – dieser Mann ist keiner von den "bedeutenden Dichtern", wie wir sie uns vielleicht vorstellen, kein "Literat" oder gar "Intellektueller" mit all der geistigen Arroganz, die solch ein Beruf gelegentlich mit sich bringt. Nun, da er zu Besuch nach Deutschland kam und in der Jungius-Gesellschaft und der "Brücke" zu Hamburg sprach, hat er einen ganz anderen Eindruck auf uns gemacht! Vollkommene Einfachheit ist es, die Eliot beseelt. Und "vollkommene Einfachheit" bezeichnet Eliot in einem feiner lernen großen Gedichte selbst als den höchsten von Menschen erreichbaren Zustand. Er nennt in derselben Gedichtfolge dann auch die "Weisheit der Demut" als "einzige Weisheit, die wir erhoffen dürfen". Jetzt hörten wie solche Worte suis seinem eigenen Munde. Und wir empfanden sofort; Die Worte dieses Dichters sind unablösbar von seiner Person. Sie sind Regungen seines Herzens, behutsam von einem wachen Geist hierhin oder dorthin gelenkt. Seine Haltung drückt sich in ihnen aus, nicht nur die oder jene Einstellung oder Ansicht. Was Eliot sagt, hat Gestalt. Du nahmen alle wahr, die ihn hörten.

Eliot ist kein Romantiker. In dem, was ein Kritiker oder auch ein Dichter von seinen Zeitgenossen fordert, kann man zuweilen einigermaßen genau erkennen, was ihm selbst fehlt. Eliot hat immer nur gefordert, was er selbst schon erreicht, und hat kritisiert, was er selbst bereits überwunden hatte. Über den "Sinn für die eigene Zeit" – seiner Ansicht nach die Grundforderung an jeden, der sich einen Dichter nennt – verfügt niemand in solcher Schärfe wie er. Ihm selbst eignet jene besondere Ehrlichkeit, von der er sagt, daß sie "in einer Welt, die zu erschreckt ist, um noch ehrlich sein zu können, so besonders erschreckend wirkt", jene Ehrlichkeit, gegen die sich die ganze Welt zusammenrottet, weil sie ihr unangenehm ist. Eliot selbst ist einer dieser Ehrlichen, und wirklich hat er seine britischen Landsleute oft genug in Schrecken versetzt. Schade nur, wir, die wir seine Vorträge hörten, diese Ehrlichkeit gewissermaßen nur aus der Distanz erlebten, denn sie entzündete sich natürlicherweise vornehmlich an Fehlern und Falschheiten seiner eigenen Welt, Selbstgefälligkeit, Trägheit, Eigensinn oder Versäumnisse eines Volkes kann eben nur geißeln, wer diesem Volk selbst angehört.

Tiefer Ernst liegt über dem Gesicht dieses englischen Dichters. Aber es ist keine Melancholie oder Schwermut. Es ist der Ernst dessen, der in Ehrfurcht, zugleich aber.staunend vor den großen menschlichen Fragen steht, vor diesen unlösbaren Fragen, die dennoch wieder und wieder gestellt werden müssen. Denn liegt nicht in der Unentwegtheit, mit der wir scheinbar so ergebnislos fragen, das ganze Leid, aber auch die Größe des Menschen? "Wir sind nur deswegen unbesiegt, weil wir nie aufgehört haben, zu versuchen", heißt es in einem der "Vier Quartette". So ist Eliot einer der großen Fragenden. Doch geht es ihm nicht um Fakten, und nicht Neugierde oder bloßer Forschungstrieb treibt ihn. Er sagte; "In dem aus Erfahrung hergeleiteten Wissen liegt, wie es scheint, nur ein beschränkter Wert". Und diese Erkenntnis bringt ihn dazu, "Offenbarung" an die Stelle von "Erfahrung" zu setzen, "Wirklichkeit" an die Stelle der bloßen Realität, und (nach dem Wort von Novalis) "das Erscheinende in der Erscheinung wieder sichtbar zu machen".

Hierin besteht in der Tat das Grundanliegen seiner Dichtung, seiner Essays und auch seiner Bühnenstücke, über die er im ersten Vortrag ("Die Ziele des poetischen Dramas") ausführlich sprach. Er berührte mit keinem Wort die "Idee" dieser Studie. Er sagte im Gegenteil: "Das Drama hat nicht mit Ideen, sondern mit menschlichen Wesen zu tun", und er fügte hinzu: ,,humanity is only an instrument" (die Menschheit ist nur ein Werkzeug). Und in der Tat sind Eliots Theaterstücke nicht von der Idee, sondern vom Ausdruck, von der Form her kompliziert. Die "Idee" – sie wohnt dem Dichter ja längst inne, wenn er zu überlegen beginnt, wie sich dies oder jenes ausdrücken ließe. Ja, der Beginn solcher handwerklich-technischen Überlegungen ist das sicherste Zeichen dafür, daß eine Idee da ist. die nach Ausdruck verlangt. Welcher Art diese Idee sei, das zeigt sich im fortschreitenden Prozeß der formalen Bewältigung. Nicht nur die Personen eines Dramas und, dargestellt in ihnen, die Menschheit – auch der Dichter ist "Werkzeug", mit dessen Hilfe eine Idee sich selbst zur Erscheinung verhilft. Des Erzbischof Thomas Beckers Selbstopfer in "Mord im Dom" wirkt auf die Mitlebenden als Offenbarung. Aber auch Becket selbst, als dramatische Figur, hat sich des Dichters bedient, um offenbar werden zu können.

Hier äußert sich, wie wir glauben, eine Art Dichtertum, wie es sie vorher nicht gab, wie sie zumindest uns, deren Dichter-Vorstellung weitgehend von der Romantik bestimmt ist, ungewöhnlich erscheinen muß. Eliot spricht in seinem Werk häufig genug vom Wesen des Dichters, so daß man einigermaßen genau sagen kann, was er darunter versteht. Er nennt sich selbst einmal einen "Klassizisten in der Literatur", wobei er im Gegensatz zum Romantiker – der, wie er sagt, "vom Leben mehr fordert als es geben kann" – als Klassizisten denjenigen bezeichnet, "der eine Autorität außerhalb seiner selbst anerkennt", der "im Auftrage" spricht und nicht in eigener Person. "Das Werden des Künstlers", sagte er einmal, "besteht in fortgesetzter Selbstentäußerung, in fortgesetzter Auslöschung der Persönlichkeit. Diese "depersonalization", die "Entpersönlichung", spielt in der dichterischen Theorie Eliots eine entscheidende Rolle. Der Dichter besitzt keine "Persönlichkeit", die er ausdrücken müßte: "je vollkommener der Künstler, desto vollständiger werden, getrennt sein in ihm der Mensch, der leidet, und der Geist, der gestaltet." Der Dichter ist "Instrument", mit dessen Hilfe sich "etwas von außen her" Ausdruck verschafft. Seine subjektiven Eindrücke und Erfahrungen spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle,

Eliot nimmt also die "Persönlichkeit" aus dem Mittelpunkt, in den sie sich gedrängt hatte, wieder fort. Und so wird diese Mitte frei für den, in dessen Auftrag der Dichter zu sprechen hat. Man könnte von einem Versuch Eliots sprechen, die "kopernikanische Wendung" wieder rückgängig zu machen. Zwar die Erde wieder in den Mittelpunkt des Sonnensystems zu rücken, aus dem sie mit wissenschaftlich einwandfreien Beweisen entfernt worden ist – das kann sein Anliegen nicht sein. Es ist sein Anliegen aber, einen Teil des vor-kopernikanischen Menschen herüberzuretten: seine Aufgeschlossenheit nämlich für "Offenbarung". Ernst Heinrich Hansen.