So? Man hat es dem großen Bassermann übel genommen, daß er im Theater am Besenbinderhof zu Hamburg den ‚Striese‘ spielte und in dieser Rolle auf Tournee gehen will?"

"Ja", erwiderte die lustige junge Dame. "Wo bleibt da die Kultur? Und überhaupt..."

"Was ist Kultur?" wurde die junge Dame gefragt, damit sie still sein sollte. Und sie war still.

"Verstehe ich Sie recht", so nahm der Partner die Gelegenheit wahr, "dann meinen Sie folgendes: Die Schauspielkunst leidet heutzutage Not; das Publikum meidet die Theater; die Muse verhüllt ihr Haupt, und die Kassen bleiben leer. Geht da ein Direktor hin, kramt aus der verstaubten Klamottenkiste diesen alten, dummen Schwank der Herren von Schönthan, den ‚Raub der Sabinerinnen‘ und zwingt, damit sich die Kassen füllen, den großen Bassermann, die Hauptrolle zu spielen, die Rolle des Schmierendirektors."

"Und nicht nur Bassermann!" warf leidenschaftlich die junge Dame ein. "Auch den wunderbaren Erich Ziegel, der den Professor spielte! Und damit nicht genug –: auch Else Bassermann und Mirjam Horwitz! Sie werden mir nicht beweisen können, daß dies etwas anderes als eine Gemeinheit war!"

Da griff der Herr zur furchtbarsten Waffe, die dem Manne in Friedenszeiten gegeben ist –: zum Spezial wissen, diesmal also zur Theater – historie: "Drei Rollen gibt es, die seit der beiden Schönthans Tagen jeder große deutsche Darsteller einmal gespielt hat: ‚Faust‘, ‚Richard II.‘ und – den ‚Striese‘. Und dies nicht nur, weil das Publikum, sondern er selbst es wollte!"

"Gebt dem Publikum, was des Publikums ist", sagte das Fräulein, denn es hatte nicht nur Goethe, sondern auch die Bibel studiert, "und der Kunst, was der Kunst ist!"