Von Percy Eckstein

Ein paar tausend verhungerte, abgerissene, barfüßige Pilger – das waren die Gäste Roms im Jahre 1300, als Papst Bonifaz VIII. zum erstenmal ein kirchliches Jubeljahr mit besonderen geistlichen Indulgenzen proklamierte. 1950 wird das vierundzwanzigste Heilige Jahr in der Geschichte des Katholizismus sein, und diesmal erwartet man einen Zustrom von Romfahrern aus aller Herren Ländern, der in die Millionen gehen dürfte. Doch nicht anders als in den Tagen Bonifaz VIII. werden auch diesmal wieder die geistlichen (Behörden Roms sich darum zu kümmern haben, daß für die Fremden nicht nur in religiöser, sondern auch in leiblicher Beziehung gesorgt werde, daß sie Unterkunft und Verpflegung finden und nach Möglichkeit vor Ausbeutern und Betrügern geschützt werden.

Der Vatikan hat eine ganz eigene Art, organisatorische Probleme selbst größten Formats in aller Stille anzupacken und zu bewältigen. So beschäftigt sich bereits seit vielen Monaten eine Gruppe von Sonderkommissionen der Kurie intensiv mit den vielen aus der Abwicklung des Jubeljahres sich ergebenden Aufgaben. Monsignor Valeri, der allen diesen Kommissionen vorsteht, ist in seiner Art so etwas wie ein Regierungschef, und die ihm unterstellten Kommissionen gleichen Fachministerien. Da gibt es ein "Ministerium" der Finanzen, ein solches der Kongresse, eines der Kirchenmusik, eines für die technische Organisation des Fremdenzustromes und – sozusagen das Kultusministerium innerhalb dieser geistlichen Regierung – eine Kommission für die seelsorgerische Betreuung der Pilger, die viele hundert Sprachen sprechen. Diese "Regierung des Heiligen Jahres" hat ihren Sitz in einem Palast unweit des Vatikans aufgeschlagen, den Fürst Torlonia der Kurie für diesen Zweck zur Verfügung gestellt hat.

Seitdem drängen sich in den Vorzimmern des Palastes Unternehmer aller Art: Fabrikanten von Medaillen und Rosenkränzen, Erfinder unverkennbarer Stoffe zur Kirchenausschmückung, Hotelunternehmer, Schiffahrtgesellschaften, Kinofilmen, Produzenten neuer Insektenpulver, Ansichtskartenverleger, Autobus- und Fluglinienbesitzer. Gestützt auf Empfehlungen geistlicher oder weltlicher Notabilitäten geben sie sich alle erdenkliche Mühe, die Monsignori der verschiedenen Kommissionen für ihre Vorhaben zu gewinnen und sich eine privilegierte Rolle innerhalb der Riesenorganisation des Jubeljahres zu sichern. Aber die Antwort auf alle diese Vorschläge war unweigerlich ein höfliches, doch sehr kategorisches Nein. Der Papst selber hat nämlich streng verboten, irgendwelche Unternehmungen heranzuziehen, die sich nicht bereits seit langen Jahren des vollen Vertrauens der vatikanischen Behörden erfreuen und deren Korrektheit und Zuverlässigkeit nicht hundertfältig erprobt ist; denn es bildet eine der vordringlichsten Sorgen des Heiligen Vaters, alle spekulativen Elemente sorgfältig fernzuhalten. Soweit es auf den Vatikan ankommt, soll niemand Gelegenheit erhalten, sich an dem Heiligen Jahr zu bereichern.

Dagegen haben die vatikanischen Amtsstellen selber eine Anzahl großzügiger Aktionen eingeleitet, um für Millionen von Pilgern gerüstet zu sein. Zwischen dem Petersplatz und der Engelsburg errichten die Ingenieure und Architekten des Vatikans einen riesigen Bau aus blaßgelbem Marmor, der sich bis zur Höhe des Petersdomes erheben wird. Dieses Gebäude wird während des Heiligen Jahres als Hotel für die vatikanischen Ehrengäste dienen, für die vielen geistlicher und weltlichen Würdenträger aus allen Erdteilen, die dem Papst ihre Huldigung darbringen wollen. Nach Ablauf des Jubeljahres aber wird der Palast seiner dauernden Bestimmung als Zentralsitz der weltumspannenden Katholischen Aktion zugeführt werden.

Die Katholische Aktion selbst hat zwei weitere gewaltige Bauprojekte in Angriff genommen – ein Pilgerhotel für Männer an der Via Aurelia, "Domus Pacis", Haus des Friedens, genannt und eine analoge Unterkunftsstätte für Frauen und Mädchen, die "Domus Mariae" heißen wird. Da außerdem in fast allen römischen Klöstern und Hospizen eifrig daran gearbeitet wird, möglichst viele Betten für die Pilger bereitzustellen, wird ein sehr großer Teil der Besucher von der Kirche untergebracht und auch verpflegt werden können.

Ein eigener "Verlag des Heiligen Jahres" im Vatikan soll alle die Bücher und Schriften drucken, die anläßlich des Jubeljahres von kirchlicher Seite für die Romfahrer bestimmt sind – Religiöses, Historisches, Theologisches, Kunstgeschichtliches, Hagiographisches, Reiseführer, Flugblätter und andere Publikationen in allen wichtigen Sprachen, die die Christenheit heute spricht. Auf besonderen Wunsch des Papstes arbeitet eine Gruppe hervorragender Radiotechniker schon jetzt daran, die Voraussetzungen für Fernsehübertragungen der wichtigsten Jubiläumszeremonien durch den Vatikansender zu schaffen. Pius XII., dessen Sympathien für die Errungenschaften der Technik bekannt sind, legt den größten Wert darauf, daß eine möglichst große Zahl von Fernsehempfängern in Klöstern und Spitälern aufgestellt werden, damit Mönche und Nonnen in Klausur ebenso wie Kranke und Gebrechliche, denen der Besuch der heiligen Stätten nicht möglich ist, wenigstens durch Television die großen religiösen Festlichkeiten miterleben können. Sündenerlaß durch Television – das mag zunächst eine befremdliche Vorstellung sein, werden doch hier zwei Welten miteinander verknüpft, von denen der einen etwas Mittelalterliches anzuhaften scheint, während die andere ganz der modernsten Gegenwart zugehört. Aber im Grunde wäre die Einbeziehung des Fernsehens in das Ritual und die Mystik der katholischen Kirche nur ein folgerichtiger Schritt weiter in einer Richtung, die schon lange mit Entschiedenheit eingeschlagen worden ist. Die maßgebenden Exponenten des Katholizismus von heute lehnen ja die Auffassung energisch ab, als bestehe ein Gegensatz zwischen der Glaubenslehre und den Errungenschaften der modernen Technik; und es liegt bestimmt eine demonstrative Absicht darin, wenn Pius XII. sich so oft und gern an seiner Schreibmaschine, vor seinem Telephon und in seinem Auto photographieren läßt.