Von Paul Hühnerfeld

Um Ernest Hemingway – den bekannten amerikanischen Schriftsteller – wird zur Zeit in Amerika ein Film geplant. Welch ein Drehbuch gibt auch das Leben dieses Mannes ab: Mitkämpfer in drei Kriegen, Abenteurer, der seine Erlebnisse fast immer im alten Europa suchte. Und das ist es, was den Dichter so interessant für uns Europäer macht: Immer wieder verfällt der vitale Amerikaner der Anziehungskraft, die das alternde Abendland, in dem sich fast alle seine großen Romane abspielen, auf ihn ausübt. Wie sehr europäisches Denken ihn beeinflußt, bewies er erneut an dem Partisanen Robert Jordan aus seinem Roman "Wem die Stunde schlägt", der in deutscher Übersetzung zum ersten Male während des Krieges in Schweden erschien.

Vielleicht ist Robert Jordan, die Hauptfigur aus Ernest Hemingways Roman "Wem die Stunde schlägt", wie keine andere Gestalt des amerikanischen Dichters geeignet, über die Tragik Auskunft zu gelben, der die Menschen Hemingways und seine Weltanschauung ausgesetzt sind. Denn in diesem Roman aus dem spanischen Bürgerkrieg, den Hemingway – und nach des Dichters Konzeption Robert Jordan – auf republikanischer Seite mitkämpft, ist in dem ungewöhnlich knappen Zeitraum von drei Tagen alles zusammengedrängt, was den Wert des Lebens ausmacht. In diesen drei Tagen heißt es für Robert Jordan zu leben – wirklich zu leben. Diese Beengung in Zeit und Raum zwingt aber auch den Dichter selbst zu einem Maß von Deutlichkeit, das nicht mehr mißzuverstehen ist.

Robert Jordan, Lehrer der spanischen Sprache an der Universität Atlanta, ist es, dem hier "die Stunde schlägt". Das bedeutet: Diesen Robert Jordan, der sich seit Jahren seiner Studien wegen in Spanien aufhält und dort vom Bürgerkrieg überrascht wird, überrascht mit dem Krieg zugleich die Gefahr. Gefahr für sein leibliches Leben, für seine Weltanschauung, für alles das, "was wir lieben", wie man im Deutschen ein wenig sentimental aber eigentlich sehr genau zu sagen pflegt. In der Gefahr aber schickt das Schicksal (oder wer weiß, wer es ist, der da schickt – Robert Jordan selbst weiß es jedenfalls nicht) ihm die große Chance zur Liebe und zum eigentlichen Leben: Beides hat eine verdächtige Ähnlichkeit mit dem, was die Existenzphilosophie von Kierkegaard bis Heidegger ein "Vorlaufen in den Tod" genannt hat. Die Möglichkeit eines Vergleichs mit dieserRichtung der modernen europäischen Philosophie liegt ebenso nahe, sieht man auf Hemingways Auslegung der Zeitlichkeit. Denn Robert Jordans – und unser aller – Stunde liegt in der Zukunft, und Robert Jordan ist deswegen ein Mensch nach dem Herzen des Dichters, weil er seine Stunde in der Gegenwart bereit auf sich nimmt, während ihm die Vergangenheit nur an einer Stelle eine "stärkende Erinnerung" ist, an vielen aber etwas "über das er doch endlich nicht mehr nachdenken" solle. Von hier aus kann man die Behauptung Hemingways, die er vor einiger Zeit in Italien aussprach – er halte Sartre zwar für einen "netten Kerl", seine Philosophie jedoch für "Unsinn" nicht ohne Argwohn hinnehmen: Es drängt sich der Verdacht auf, daß der Unterschied zwischen Sartre und Hemingway weniger in der Weltanschauung besteht, als in dem Abstand des theoretischen Europäers vom praktischen Amerikaner oder des denkenden, eiskalten Intellektuellen großen Formats von einem vitalen Globetrotter im Reiche der Literatur.

Robert Jordan ist in diesem Krieg Partisan. Er geht mit Spezialaufträgen hinter die Linie der Franco-Truppen. Der Roman setzt in dem Moment ein, da Jordan den Befehl bekommt, eine Brücke im feindlichen Hinterland zu sprengen. Eine solche Tätigkeit ist sicherlich die gefährlichste, die es im Kriege überhaupt gibt. Die Chance, lebend davonzukommen, ist lächerlich gering. So drängt sich die Frage auf, warum Jordan, wenn er sich schon als Amerikaner bewogen fühlt, auf Seiten der spanischen Republikaner mitzukämpfen, das an so exponierter Stelle tut. Zwar "kämpft er in diesem Kriege mit, weil er das Land liebt und an die Republik glaubt und der Überzeugung ist, ihr Untergang würde allen ihren Anhängern das Leben unerträglich machen"; aber würde es für diesen Glauben nicht genügen, daß er geistig gegen die Faschisten Stellung nimmt oder, wenn es unbedingt sein muß, als einfacher Frontsoldat? Man weiß doch heute genau, daß in den Widerstandsbewegungen der letzten Jahre – von Spanien bis Polen – fast nur die Männer kämpften; die unmittelbar selbst bedroht waren und nichts mehr zu verlieren hatten. Jordan selbst aber ist ja noch gar. nicht bedroht. Der amerikanische Dozent für die spanische Sprache, der heute mit spanischen Partisanen kämpft und stirbt, könnte nach Atlanta zurückfliegen, und niemand würde ihn darum tadeln. Er könnte von Amerika aus als amerikanischer Gelehrter gegen die Franco-Bewegung Stellung nehmen und kein republikanischer Spanier käme auf die Idee zu sagen: Dieser Mann tut zu wenig für Spanien. Aber es ist ja auch in Wirklichkeit nicht das, was Jordan bewegt ein Partisan zu werden. Es ist sein Drang, mit dem Leben zu spielen – nicht im Sinne von Leichtsinn, sondern aus dem unbewußten Glauben heraus, nur im Spiel die Möglichkeit seiner Existenz gleichsam vor sich selbst Revue passieren zu lassen, um die eine herauszugreifen, um derentwillen man lebt.

Es ist bis Kierkegaard eine Meinung fast aller Philosophen, daß die Möglichkeit von geringerem Wert sei als die Wirklichkeit. Erst er nennt sie wieder "die schwerste aller Kategorien". Man hat wieder einen Blick dafür bekommen, daß die eigentliche Tragik und Größe des Menschen jetzt und zu allen Zeiten nicht nur in dem bestanden hat, was er getan hat, sondern auch in dem, was er alles hätte tun können. Deshalb ist ja der heutige Mensch pausenlos mit tierischem Ernst auf der Jagd nach der Chance seines Lebens, um sie, seltsame Sprödigkeit des Schicksals, um so sicherer auszulassen, je eigennütziger und brutaler er sich darum bemüht.

Von hier aus wird die Belichtung sichtbar, durch die das Spiel Jordans erhellt und beschattet wird: Es ist der Versuch, alle seine Möglichkeiten zu sehen, ohne sie zu vergewaltigen; der Versuch, sich selbst gleichsam immer in Reserve zu halten, um sich, wenn die Stunde geschlagen hat, um so schrankenloser einsetzen zu können. Freilich kann es geschehen, daß bei dieser Revue der Möglichkeiten eine von ihnen blitzschnell zuschlägt, weil man ihren Ernst übersah. Es gibt Situationen im Leben, die eine solche spielerische Behandlung nicht mehr vertragen: Eine von ihnen ist der Tod. Er allein kann deshalb auch ein Spiel abbrechen, wenn der Spieler noch zu gewinnen glaubt. Und doch reizt es den Menschen. immer aufs neue, eine Partie mit diesem stärkeren Partner zu wagen. Gewonnen hat der Mensch diese Partie nicht dann, wenn er am Leben bleibt, sondern wenn ihn der Tod nicht mehr überrascht. So ist der Tod Robert Jordans der Kulminationspunkt seines schöpferischen Jetzt; jene Stunde, in der der amerikanische Partisan wahrhaft – lebt. Jordans Spiel mit den Möglichkeiten hebt sich scharf ab von dem Leben seines Vorgängers Karschkin. Von diesem Russen, der wenige Zeit vor Jordan mit derselben Gruppe spanischer Partisanen feinen Zug in die Luft sprengte, wird gesagt, daß "ein "großer Unterschied zwischen Jordan und ihm besteht": – "Sag ihn mir", bittet Agustin, einer der Partisanen. Und Jordan antwortet: "Er war ein Mensch, der viel gelitten hatte."