Vor dem Streik der Berg- und Stahlarbeiter war die amerikanische Produktionskurve eindeutig aufwärts gerichtet. Der Frühjahrsrückschlag war überwunden, nachdem die Verbraucherpreise ein wenig, manche Beobachter meinen zu wenig, gesunken waren. Es blieb der Eindruck, die amerikanische Wirtschaft sei so gesund, daß ihr auf lange Zeit "nichts passieren" könne. Kurzfristig ist wohl sicherlich genügend Schwungkraft vorhanden, um auch bei längerer Streikdauer (über die direkt betroffenen Industrien hinaus) für eine schnelle Überwindung der Streikfolgen zu sorgen. Langfristig dagegen aber Wirken doch einige tief ergreifende Faktoren in entgegengesetzter Richtung, so daß man einigen Pessimismus für die weitere Zukunft hegen muß.

Diese Sorge gruppiert sich um das, was man in Amerika unter "Inflation" versteht, nämlich das Hinauftreiben von Kosten und Preisen ohne Erhöhung der Produktivität. Es geht nämlich nicht am, daß – etwa durch die weitgehenden Pensionsforderungen im Bergbau und in der Stahlindustrie – in diesem Augenblick die Kosten in den USA weiter gesteigert werden, nachdem sich soeben erst durch die europäischen Abwertungen die Konkurrenz für die amerikanische Industrie auf dem Binnenmarkt wie auf den "freien" Exportmärkten erheblich verschärft hat.

Man nehme das Beispiel der Kraftwagens Wenn England in den USA um 20 v. H. verbilligt und, wegen Verteuerung von Kohle und Stahl, die USA-Fabrikanten ihre neuen Modelle teurer anbieten müssen, dann wird nicht nur ein größerer Teil des Geschäfts den Briten zufallen, sondern auch – was noch wichtiger ist – ein Teil der amerikanischen Käufer für USA-Wagen zurückhaltender werden in Erwartung künftiger Preissenkungen. Es kommt hinzu, daß der aufgetaute Nachkriegsbedarf an Autos in den USA in diesem Sommer befriedigt worden ist. Nun also hängt zusätzlicher Absatz über die laufende Ergänzung hinaus von niedrigeren Preisen oder verbesserten Leistungen ab.

Doch nicht nur die private Industrie steht Vater dem Schatten der Preisinflation auch die Staatlichen Ausgaben – sie besonders! – drohen In Inflationsstrom zu geraten. Präsident Truman, ein Mann mit weichem Herzen und geringem Rechenvermögen, ist bereit, sich zu vier bis fünf Milliarden Dollar Staatsdefizit überreden zu lassen. – das in einer Zeit der Vollbeschäftigung, in der die oberste Keynes-Regel lautet; "Sorge für Überschuß im Staatshaushalt!" Und Truman hat die Bereitschaft zum Defizit bereits teuer bezahlen müssen: er hat den besten seiner drei Wirtschaftsberater, Edwin Nourse, Amerikas Erhard, verloren, weil dieser sich mit seinen Warnungen vor inflationistischer Wirtschaftspolitik gegen seinen Rivalen Keyserling aus dem Keynes-Planungslager nicht mehr durchzusetzen vermochte. Es geht darum, den Goldpreis vielleicht heraufzusetzen, den Dollar also abzuwerten; durch Defizitfinanzierung für die Bewaffnung der Atlantikmächte zu sorgen, also à fonds perdu Waren abzugeben, die Löhne und Pensionen ohne Leistungssteigerung zu erhöhen.

Die Angst vor inflationistischen Kostenverteuerungen spricht sicherlich bei der Weigerung von Bergbau und Stahlindustrie mit, den Gewerkschaften auch nur den kleinen Finger der Verhandlungsbereitschaft zu gewähren. Aber man wäre in den Verwaltungsgebäuden von Pittsburgh und anderen Stahlzentren wohl nicht so ruhig, wenn man nicht anderseits sich kurzfristig ein sehr günstiges Bild von der USA-Wirtschaftslage im allgemeinen und von dem zu erwartenden Stahlbedarf nach dem Streik im besonderen machte. Und dazu besteht durchaus Grund; denn schon jetzt rechnet man für viele Wochen nach dem Streik mit 95 v. H. Kapazitätsausnutzung, mit zunehmendem Stahlbedarf für Rüstungszwecke und erwartet, daß ein etwaiges Nachlassen der Stahlanforderungen aus der Autoindustrie durch größeren Stahlbedarf für den Wohnungsbau ausgeglichen wird. In der Tat sehen, es, als ob der Wohnungsbau, der wegen zu hoher Kosten in den Nachkriegsjahren sehr im argen gelegen hatte, durch die Preissenkungen des Frühjahrsrückschlags und durch den Zug zu größerer Häuslichkeit, der das amerikanische Leben sehr zum Leidwesen von Hollywood durchflutet, einen genügend starken Auftrieb bekommen hat, um im nächsten Jahr sehr hohe Bauzahlen, wenn nicht Baurekorde wahrscheinlich zu machen. E. G.