Dr. Joachim Schondorff, Produktionsleiter des Christian-Wegner-Verlags, Hamburg erhielt für sein unveröffentlichtes Manuskript "1848, Dokumente der Zeit" den Preis des Südwestdeutschen Autoren-Verbandes für die beste dokumentarische Arbeit über das Revolutionsjahr 1948/49.

Denken wir in unseren Tagen an den ritterlichen, im KZ zugrunde gegangenen Fritz Reck-Malleczewen und sein "Tagebuch eines Verzweifelten", so drängt sich die Erinnerung an einen Mann auf, der vor hundert Jahren ein Tagebuch zum gültigen Zeugnis der Zeitwende werden ließ: es ist Karl Varnhagen von Ense. Aus preußischem Adel stammend, macht er sich von den Anschauungen seines Standes frei, Stück für Stück der konservativen Welt seines Herkommens fällt von ihm ab, und in seinen Tagebüchern setzt sich aus vielen Mosaiksteinchen ein Bild der Zeit vor und nach 1848 zusammen.

Schon einmal, nach den Befreiungskriegen, hat Varnhagen den in der Geschichte stetigen Wechsel von Bewegung und Gegenbewegung erlebt, als die politisch und sozial vorwärtsdrängenden Kräfte, die in den Jahren 1806 und 1815 wach geworden waren, von einer neu aufkommenden Reaktion wieder erstickt wurden. Jetzt, Ende der 1830er Jahre, da er seine Sorgen dem Tagebuch anvertraut, zeigt sich erneut das ewige Spiel von Bewegung und Gegenbewegung. Varnhagen, der in der Rolle des unabhängigen Beobachters mitten im gesellschaftlichen Leben Berlins steht, hat einen unübertrefflichen Blick dafür, das geheime, unterirdische Ringen dieser Kräfte miteinander zu durchschauen. Er spürt das heimliche Grollen einer unaufhaltsamen Bewegung, die zu neuen Formen führt, er warnt die führenden Kreise, er empfindet ihr bis zur Herausforderung unbekümmertes Leben als einen Tanz auf dem Vulkan, doch die Rufe dieses unabhängigen Beobachters, der immer mehr in die Rolle eines oppositionellen Chronisten seiner Zeit hineinwächst, bleiben ungehört.

Als im März 1848 über Nacht die Revolution ausbricht und zum Siege führt, läßt Varnhagens historisch reifer Blick sich nicht beirren. Er weiß, daß vorher beide Kräfte, die der Revolution und die der Reaktion, vorhanden waren und daß sie auch nach dieser Revolution weiterhin beide vorhanden sein werden. So kann es ihn nicht überraschen, daß auch diesmal wieder, wie schon vor 30 Jahren, die Kräfte der Reaktion das Heft der Regierung in die Hand nehmen. Aber rücksichtslos gegen Herkommen, Stand und Tradition ist er bereit, für sich persönlich die Konsequenzen zu ziehen. Er, der noch wenige Jahre zuvor bekannt hatte, daß er preußisch gesinnt ist, scheut sich jetzt nicht auszusprechen, daß ein Preußen wie das nach 1848 zum Untergang bestimmt ist. Er, der monarchisch gesinnt ist, bejaht jetzt die Republik, trägt unermüdlich neue Züge menschlicher Unzulänglichkeit von der Hofkamarilla zusammen und formt in den Eintragungen seines Tagebuchs über Friedrich Wilhelm IV. ein den heutigen Leser erschütterndes Charakterbild dieses Königs, das geradezu verblüffende Parallelen zu den Gestalten Wilhelms II. und Hitlers bietet. Er, der Mann, der jedes Jahr in den internationalen Badeorten seiner Zeit, in Kissingen und Bad Homburg, zur Kur weilt und dort mit allen Koryphäen der europäischen Gesellschaft persönlichen Kontakt pflegt, mit Königen und Fürsten ebenso wie mit Generalen und Ministern, ist mit dem Herzen auf der Seite des einfachen Mannes, gegen dessen soziale Ausbeutung und Rechtlosigkeit im Klassenstaat er seine Stimme erhebt. In all diesen Betrachtungen über das Wechselspiel von Revolution und Reaktion, in der Porträtierung Friedrich Wilhelms IV., in dem Kultur- und Sittengemälde der europäischen Gesellschaft seiner Zeit und in der Spiegelung des persönlichen Entwicklungsweges vom preußisch-konservativen Adligen zum demokratischen Bürger, der in europäischen Maßstäben denkt, dürfen seine Tagebücher bleibende Gültigkeit beanspruchen. Schade, daß sie heute keiner verlegt... Joachim Schondorff