Es geht wieder einmal ein Streit um die Frage; "Star-Theater oder Ensemble-Theater?" – Wieso oder? In Reinhardts Tagen war die Frage gegenstandslos; so gut wie alle seine Künstler waren "Stars", und sie spielten unter seiner Leitung ideales Ensemble. Wenn die Überlebenden jener Zeit heute irgendwo gastieren, sieht es freilich anders aus; es ist aber nicht Schuld der Stars...

Unter diesen Umständen ist es weise von Heinz Hilpert, sein "Deutsches Theater, Konstanz" von Stars freizuhalten, um echtes Ensemble zu pflegen. Eine Spielschar junger Leute war es, die er mit Shakespeares. "Wie. es euch gefällt", wie in anderen Städten, so auch im Hamburger "Theater am Besenbinderhof gastieren ließ und der seine Hand den Charakter gegliederter Vielfalt in einheitlichem künstlerischem Geiste aufprägte. Dennoch ragten auch hier besondere Begabungen und Leistungen hervor. so Siegfried Lowitz als Narr Probstein und die mit echtem Theaterblut gesegnete, auf Zukunft deutende Tatjana Iwanow als Rosalinde. Hilperts Regie gab dem – ins Rokoko versetzten – Spiel Leuchtkraft, Frische und räumliches wie mimisches Gleichgewicht. Ein Abend heiterer, schwereloser Eindrücke. –

Nur eins: muß es sein, daß auch Meister des guten Geschmacks wie Heinz Hilpert sich von der funkgewohnten Barbarei anstecken lassen, jäh abreißende Mozart-Sätze als musikalische Lückenbüßer in die Verwandlungspausen einzuzwängen? –th

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Die Bühne war von edler Kargheit, das Zusammenspiel von Bewegung, Stimme und Schweigen der fünf auftretenden Personen war vollendete Form, die hinter dem dichterischen Wort zurücktrat, um es um so mehr leuchten zu lassen! Goethes Wort im Tasso. Aber weil dies eine Gründgens-Inszenierung war (Düsseldorfer Gastspiel im Theater am Besenbinderhof, Hamburg), an die man höchste Ansprüche zu stellen gewillt war, muß man gegen den Tasso von Horst Caspar Einwände erheben. Dieser ausdrucksstarke Darsteller und glänzende Sprecher hatte schon immer Mühe, sich zu bändigen. Daß es dem Regisseur Gründgens nicht gelang, betrübt. Caspar überspielte sich selbst mit ständig krampfhaft zitternden Händen und bot zum Schluß statt Goethes verinnerlichter Dramatik unnatürliches Pathos. Wie schade, da er doch auch den echten Tasso mehrfach ahnen ließ. Wie schade in dieser ausgefeilten bewegenden Aufführung mit Marianne Hoppe, die in beseelter Größe die Schwester des Herzogs spielte, mit Gerda Maria Terno als der irdischeren Leonore, mit Peter Esser als einem Antonio von warmer Natürlichkeit und mit Otto Grieß, einem etwas statuarischen Herzog. Besonderes Lob gilt einem Publikum, das sich dem Goethischen Wort hingab und nur da unruhig hustend reagierte, wo auf der Bühne die Echtheit verlorenging. eka