Warum eigentlich malen immer mehr Künstler abstrakt? Warum beginnen auch die Bildhauer, uns in ihren Plastiken Rätsel aufzugeben? Denkt denn niemand daran, daß wir, die wir angerufen werden, diese modernen Kunstwerke schön zu finden, vielleicht entsetzt sein könnten?" So und ähnlich lauteten die Fragen, die uns anläßlich der Ausstellung der Hamburgischen Sezession erreichten; über die wir hier vor drei Wochen berichteten. Nun, eine Antwort in wenigen Sätzen ist schwer.

Gewiß gibt es eine moderne Geistesrichtung, die dem Abstrakten, dem Spiel der reinen Formel, besonders hingegeben ist, und zwar in allen Künsten: der Musik, der Literatur, der Plastik und der Malerei. Doch sollte man sich hüten, eine solche Tendenz ohne weiteres als typisch oder endgültig zu nehmen, denn dies hieße, sie isoliert nur als eine esoterische Angelegenheit der Kunstler zu betrachten. Dadurch nämlich würde ein Faktor ausgeschaltet werden, der zu einer lebendigen Entwicklung der Kunst unlösbar gehören sollte: der Liebhaber, der Käufer, der Mäzen. Kunst kann sich nicht im leeren Raum entwickeln, ohne das zu werden, was ihre heutigen Verächter "abstrakt" nennen. Man stelle den Künstlern Aufgaben in Form konkreter Aufträge!

Man wird erwidern, daß die Freunde der Kunst kein Geld haben, da sie es der Steuer abliefern müssen. Die Steuerbehörde aber hatte noch nie die Möglichkeit, ihrerseits Aufträge an Künstler zu vergeben: sie reicht das Steuergeld an den Fiskus weiter. Dieser Fiskus also, ein Niemand, ein graues Gespenst – wie soll man ihn sich sonst vorstellen? –, ist damit heute offenbar einzig noch in der Lage, zum Mäzen der Künstler zu werden. Und in vielen Fällen ist der Fiskus tatsächlich der einzige Mäzen. Das ist gewiß sehr unerfreulich, doch so leicht – für absehbare Zeit wenigstens – nicht zu ändern. Und da möchten wir daran erinnern, daß man, um ein Beispiel zu nennen, in Hamburg schon vor 1930 einen gewissen Prozentsatz des Bau-Etats für die Förderung der bildenden Künste auszugeben pflegte. Dies scheint vorerst der einzig mögliche Ausweg zu sein, der eingeschlagen werden sollte, solange man dem einzelnen durch Steuern das Geld fortnimmt, mit dem er Kunstwerke erwerben oder Künstler unterstützen könnte. Immerhin, nähmen wir diese alte Hamburger Praxis wieder auf, so hätten wir ein Beispiel verwirklicht, wie man die Künstler wieder aus ihrer Isolierung herausholen und sie mit den Ansprüchen der Kunstliebhaber versöhnen könnte. Allein gelassen, malen und bilden sie "abstrakt", plagen sich mit internen Gesetzen der Kunst, die ja ihr eigentliches Anliegen sind. Wer die modernen Künstler auch darin zu verstehen sich bemüht, wird eines Tages erwarten dürfen, daß sie sich ihm verständlicher zeigen. T. R.