Die öffentliche Debatte über die künftige Organisationsform der Bundesbahn ist im Fluß und wird es hoffentlich bleiben Dem Bundesverkehrsministerium scheint diese, wie man dort meint: vorzeitige, nach unserem Dafürhalten: rechtzeitige Resonanz des Themas nicht erwünscht zu sein. Man sähe es dort wohl lieber, wenn die öffentliche Diskussion so lange verstummte, bis die Gutachten der von ihm berufenen in-, und ausländischen Sachverständigen vorlägen. Aber, bei allem landesüblichen Respekt vor Sachverständigen, mit den Methoden wissenschaftlicher Exaktheit allein pflegt man ja solche Probleme nicht zu lösen. Dazu sind sie zu interessengebunden. Das Projekt des Düsseldorfer Verkehrsministeriums, das wir ausführlich in unserer Ausgabe vom 17. November dargestellt haben, fand nach Äußerungen des Ministerpräsidenten Arnold die Zustimmung maßgeblicher Wirtschaftsvertreter. Der Bundesverkehrsminister behauptet, ihm gegenüber hätten andere Wirtschaftsfachleute den entgegengesetzten Standpunkt vertreten. Schon aus dieser Gegenüberstellung ergibt sich die Notwendigkeit einer möglichst resonanzfähigen Diskussion.

Mit einer wirklichkeitsfremden Retuschierung der Gegensätze wird nämlich der Sache nicht gedient. Dr. Seebohm meinte, der Düsseldorfer Entwurf unterscheide sich nicht so sehr von dem der ehemaligen Verkehrsverwaltung in Offenbach, wie es vielfach dargestellt werde. Um erscheinen die Unterschiede groß genug. Der Düsseldorfer Entwurf will ein nach kaufmännischen Grundsätzen geführtes Unternehmen etwa nach der Konzeption des Reichsbahngesetzes von 1924 schaffen, während der Offenbacher Entwurf die Bundesbahn der Bürokratie des Verkehrsministeriums unterwerfen möchte, was wohl am sinnfälligsten in der Verquickung von Betriebsführung und Aufsicht in der vorgesehenen en Konstruktion des Verwaltungsrates zum Ausdruck kommt. Wenn Dr. Seebohm an die Spitze der Bundesbahn einen Kaufmann stellen will, so fürchten wir, daß dieser Kaufmann à la Offenbach keine Prokura hätte. Seine Entscheidungsfreiheit wäre schon durch die latenten ministeriellen und bürokratischen Hemmungen wirkungsmäßig sehr beengt.

Inzwischen übt Professor Frohne, der den Offenbacher Plan vertritt, im Verkehrsministerium die Funktion des Staatssekretärs aus. Damit ist in diesem Ministerium eine Persönlichkeit zum mächtigsten Mann geworden, die ganz einseitig für eine straffe staatlich-bürokratische Leitung. Bundesbahn eintritt. Seiner Kon-Option soll auch der Plan zu verdanken sein, die Bundesbahn in drei große voneinander unabhängige Eisenbahndirektionen in München, Frankfurt a. M. und Hamburg zu zerlegen. Hier liegt der Gedanke nahe, daß dies geschehen soll, damit man als einen gleichberechtigten vierten Partner die kommunistische Verwaltung der Ostzone aufnehmen kann.

Das alles sind so ehrgeizige hochpolitische Pläne, daß man allerdings das Ministerium Seebohm genau im Auge behalten muß. Der Minister selbst hat sich kürzlich bemüßigt gefühlt, in reichlich lautem Tone zu erklären, die Zeit sei nunmehr gekommen, Forderungen hinsichtlich einer deutschen Lufthoheit zu stellen. Solche politische Schlüsse sind reichlich voreilig, man dürfte sie füglich politische Kurzschlüsse nennen. R. S.