Mit Vasco Pratolinis "Chronik armer Liebesleute" (Winkler-Verlag, München) feiert der neugeborene italienische Realismus einen neuen Triumph. Ein halbes Dutzend Bücher, mehr noch die römischen Nachkriegsfilme haben jenen Durchbruch zur Wirklichkeit, der das Pathos d’Annunzios und die Artistik des vielgewandten Pirandello ablöste, in seinen Grundzügen der Welt bekanntgemacht. Nun folgt dieses Buch. Wie Carlo Levis "Christo", wie Silones "Samen unter dem Schnee" und Vittorinis "Tränen im Wein" kommt es von links, und zwar von der äußersten Linken Zum Glück (für uns und für das Buch) wird nicht gepredigt; doch Pratolini wäre ein schwacher Dichter, wenn er seine Überzeugungen von Recht und Unrecht in der sozialen Welt nicht im Spiel der Figuren könnte transparent werden lassen. So entsteht also ein vollgültiges Kunstwerk, das doch mit handelt, sin iure Erlebnisse unverrauchter und wahrer, tritt in allem Elend und aller Verwahrlosung das schlechthin Menschliche näher an uns heran. Vielleicht liegt in dieser kindlichen Echtheit von Freud und Leid das Tröstliche, das uns beim Lesen dieses Romans als Gesamteindruck bleibt –, wenn die vier jungen Akteure auch den Untergang finden, bevor sie ihr Leben eigentlich recht begonnen haben. G. D.

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"Amerikanische Lyrik", Nachdichtungen aus Bern Amerikanischen, herausgegeben im Verlag Kemper, Waibstadt. – Rolf Göhring hat in der belgischen Kriegsgefangenschaft Lyrik von 21 amerikanischen Dichtern des 20. Jahrhunderts übersetzt Und versucht, sie in die deutsche Gefühlswelt zu übertragen. Lakonisch erklärt der Verfasser im Vorwort: "Die Übersetzungen von Lyrik sind nicht möglich, ohne sie dabei ihres wesentlichsten Gehaltes zu berauben." Tatsächlich hat man bei einigen Gedichten diesen Eindruck. Aber sollte es nicht Ziel der Übersetzung sein, gerade den "wesentlichsten Gehalt" so getreu wie möglich zu übertragen (wie es ja auch Rolf Göhring bei einigen Gedichten, wie "Geschenk", "Die große Jagd", "Ein altes Märchen", gelungen ist)? Für die Kenner der englischen Sprache sind die Originaltexte, unter deren Verfassern wir Alice Corbin, Muna Lee, Harriet Monroe, Carl Sandburg, Amy Lowell finden, den deutschen Übersetzungen gegenübergestellt. M. S.

Oswald Malura: "Als Maler durch Indien", Broschek-Verlag, Hamburg. – Es ist ungefähr ein Jahr her, daß Bücher uns wieder in schmuckem Gewand vorgelegt werden. Und schon ist der Käufer so verwöhnt, daß er seine Wahl nicht mehr allein vom Inhalt des Buches abhängig macht. Der genannte Band des Broschek-Verlages dürfte auch dem verwöhnten Geschmack genügen. Er bietet auf Kunstdruckpapier zwölf farbige Bilder und viele Zeichnungen des Landes der Gegensätze, Indien, die der Maler Malura zu Anfang der dreißiger Jahre von einer zweieinhalbjährigen Studienreise mitbrachte. Der geplauderte Text auf dem gleichen guten Papier erweist den Mann des Pinsels auch der Übersetzung des Geschauten in Worte fähig. Schl.