Oh, meine nachhaltig geschwächten seelischen Fähigkeiten, wie dumm sie mich machen!

Natürlich habe ich Adern Verkalkung, doch auch das macht mir nichts aus, geht mich nichts an. Wenn ich vornehm zu mir selbst bin, nenne ich es Podagra. Es ist nun über ein Jahr her, daß ich keinen Stab mehr gebrauche. Was sollte ich mit – dem Stab? Es war nur eine Art Flottheit von mir, ihn in der Hand zu tragen, ähnlich, als wenn ich den Hut schief aufsetze und dergleichen. War mir der Stab etwas wie eine Stütze? Nein. Wir waren Kameraden geworden, aber nicht mehr. Wenn wir fielen, lagen wir immer weit voneinander im Schnee.

Wie von Kameraden zu erwarten war.

Aber natürlich ist mein Podagra greulich lästig. Ich höre nicht. Nun ja. Doch ich sehe nicht, das ist schlimmer. Ich kann keine Zeitung mehr lesen, kein elendes Zeitungsblatt. Es ist mir auch gleichgültig. Übrigens ist auch das eine Art Prahlerei, ich kann gut lesen, wenn die Sonne stark auf das Blatt scheint.

In Nordland hatten wir etwas, das nannten wir Gehgesicht: zum Gehen sehen. Wenn Maren Maria Kjeldsen gegangen kam, hatte sie noch Gehgesicht, doch sie brauchte einen Stab und hatte sonst viele Gebrechen. Maren Maria war eine mystische Gestalt unter uns, niemand wußte etwas von ihr, aber es hieß, daß sie einmal eine vornehme Jungfer gewesen sei, Tochter eines Kapitäns oder so etwas, doch das war nur Vermutung, sie selbst sagte nichts. Daß sie besserer Leute Kind sei, meinten alle, denn sie hieß Kjeldsen mit Namen, und so hieß sonst niemand in unserem Landesteil. Wenn sie in der Nachbarschaft umherwanderte, hatte sie nur ein Geschäft: Kautabak für ihre Zahnschmerzen zu betteln. In ihren jüngeren Tagen hatte sie sich an Tabak gewöhnt und konnte ihn nun nicht mehr entbehren, sie priemte wie ein Matrose. Und auch sonst war sie garstig und hatte keine Scham. Aber dieses Menschenkind hatte die schönsten Jungfrauenhände. Ich wunderte mich über die Hände, sie waren gelb von Farbe, aber so weich und fein, nie zu einer Arbeit gebraucht, nie besonders sauber, doch so schön anzusehen.

Am Ende fiel Maren Marie dem Armenwesen anheim, sie wurde "Einlegerin" in der Gemeinde, da war sie wohl siebzig oder achtzig Jahre alt. Sie sah selbst zum Gehen, wenn sie ohne Begleitung ihre vorgeschriebene Runde zwischen den Höfen machte, sie hatte Gehgesicht bis zum Letzten.

Es ist etwas Gutes, noch viele Jahre das Gehgesicht zu haben. Mitsommer 1948.

Heute hat das Oberste Gericht sein Urteil gesprochen, und ich beende meine Aufzeichnungen.