Viele Biographien wurden und werden geschrieben, doch nicht alle Biographen sind es von Geburt und Berufung. Denn selten verliehen wie alle höheren Gaben wird auch die, Lebendiges in sachlicher Form persönlich wirken zu lassen, der Versuchung widerstehend, mit Sensationellem Effekt zu machen. Inmitten mancher Unerfreulichkeiten unserer Zeit ist es erfreulich, daß die besagte Gabe in einer Anzahl neuer biographischer Werke mit überraschender Ausnahmelosigkeit in Erscheinung tritt.

Erhard Breitner "Magd Gottes. Leben und Sterben der Jungfrau von Orleans". Karl Glöckner Verlag, Bonn. 353 S. – Erhard Breitners biographisches Lebenswerk erfährt aus seinem Nachlaß hier seine posthume Krönung. Die Gestalt der "Heiligen Johanna" wird in ihrer Doppelgesichtigkeit anschaulich gemacht, gleichsam "als Wille und Vorstellung", wie sie sich selbst und wie die Mitwelt sie sah. Ihre Tragik erfährt dadurch volle Erklärung, indem sie sich als Auswirkung eines gesetzmäßigen Konfliktsverhältnisses zwischen missionarischer und realpolitischer Geschichtsauffassung enthüllt. Im ganzen wie im einzelnen (der Prozeß von Rouen!) ergeben sich dabei erschreckende Parallelen zu Ereignissen und Erfahrungen unserer Gegenwart. Ein fesselndes Buch.

E. Th. Kosak "Philippe Egalité. Ein Revolutionär im Schatten des Thrones". Lockmann Verlag in Wien. 251 S. – Beziehungen zum Erleben unserer Tage werden auch in diesem Buche vielfach sichtbar. Es zeigt sich, daß die Geschichte zwar Vollzug unausbleiblicher Notwendigkeiten ist, daß aber die Vollziehenden von dieser höheren Lenkung gar nichts zu ahnen brauchen. Daß, mit anderen Worten, oft Großes und Größtes von an sich durchaus kleinen Figuren und aus kleinen Motiven bewirkt wird. Man möchte nach der Lektüre dieser Biographie des fürstlichen Hochverräters bezweifeln, ob die "Großen" der Französischen Revolution so schnell und so gründlich zum Zuge gekommen wären ohne die egoistischen Intrigen, die gehässige Minierarbeit des neidsüchtigen Herzogs von Orleans.

Erica Kober "Josef Kainz. Mensch unter Masken." Paul Neff Verlag, Wien. 336 S. – Wenn es noch eines Beweises bedurfte, so überzeugt diese schlichte Darstellung eines einzigartigen Künsterlebens davon, daß gerade die Kunst des Schauspielers ihre entscheidenden Kräfte nur aus der Tiefe einer reichen Menschlichkeit zu ziehen vermag. Wie fern ist diese Erscheinung dem Habitus der Vielzuvielen, die sich heute zur Bühne drängen und nichts ahnen von dem Ernst, von der Schwere ihres Amtes! Ihnen besonders sei diese Lebensbeschreibung empfohlen.

Hanns Arens "Stefan Zweig. Sein Leben – sein Werk." Bechtle-Verlag, Eßlingen. 239 S. – Eine warmherzige Gesamtwürdigung des stillen, ernsten Dichters vom Herausgeber dient nur zur Einleitung einer Reihe von Briefen, Widmungen und Erinnerungen aus der Feder bedeutender Zeitgenossen (darunter Rilke, Rolland, Werfel, Zuckmayer, Bruno Walter). Eine Huldigung intimer Art, trotz der Häufung der Bekenntnisse. Schöne Bilddokumente und Faksimiles erhöhen den Reiz des Buches und vertiefen die menschliche Annäherung.

Hans Rutz "Hans Pfitzner. Musik zwischen den Zeiten". Humboldt-Verlag, Wien. 159 S. – Daß auch Objektivität werbende Kraft haben, daß auch persönliche Angetanheit objektiven Wertens fähig sein kann, zeigt diese sachkundige Arbeit, die noch kurz vor dem Tode des Meisters abgeschlossen wurde. Pfitzners einsamer Standort auf dem Schnittpunkt zweier einander ablösender Zeitstile, seine An-sich-Bedeutung und seine Verbindungen zu Vergangenheit und Zukunft werden an Hand sorgfältiger Werkbetrachtungen einleuchtend dargetan. Auch das menschliche Bild, von allen perspektivischen Verzerrungen gereinigt, hat der Verfasser so eindrucksvoll und anziehend festgehalten, wie er es aus eigener Erfahrung gewinnen konnte.

Georges Bizet "Briefe aus Rom". Erstmalig ins Deutsche übertragen und mit einem Vorwort herausgegeben von Walter Klefisch. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 180 S. – Eine Art Autobiographie über seine künstlerischen Entwicklungsjahre formt sich hier aus den an die Eltern gerichteten Briefen des französischen Meisters. Es ergibt sich mancher Einblick in die Werkstatt des Werdenden; noch mehr aber: in den noblen Charakter und die Herzensliebenswürdigkeit des jungen Mannes, dem damals noch so viele und große Enttäuschungen bevorstanden. Verfechter der Theorie des "Schaffens ohne Inspiration" sollten diese Dokumente des Komponisten der "Carmen" zu ihrer Belehrung studieren! A – tb