Rutenborn-Aufführung in Kassel

In Kassel machte man soeben den ersten westdeutschen Versuch, "Das Zeichen des Jona" von Günter Rutenborn auf die Bühne zu bringen. Einzig de Kowa hat es bisher gespielt, am Kurfürstendamm in Berlin, an einer Stelle also, an der sich einmal im wohlparfümierten Wechsel die Blaufüchse Gutenacht sagten, In dieser selben Genend brachte dieses biblische Zeitstück etwa hundert Häuser. Und sicherlich nicht deshalb, weil der Kurfürstendamm plötzlich so ausnehmend bibelhungrig geworden wäre. Es muß also wohl etwas anderes an der Sache.sein.

"Biblisches Zeitstück"? Nun, hier handelt es sich im vielerlei: Profanes und Prophetisches, Zeitliches und Zeitenloses. Hier wird auch nicht geschlüsselt, etwa Berlin gemeint und Babylon gesagt, hier geht Herr Niemöller in anonymer Unbekümmertheit mitten in Ninive herum, und aus Jonas Walfisch wird, eh man sich’s versieht, das U-Boot 96. Hier ist eigentlich alles möglich, sogar in Jüngstes Gericht, das mit einem gewaltigen Dies irae der Posaunen aufdröhnt und dann plötzlich einmal in die angesäuerte Entsühnungsatmosphäre einer mühselig beflissenen Spruchkammer überspringt, in der sich obendrein der beigeordnete Erzengel Gabriel gelegentlich als vormaliger Standesbeamter und eifriger Hüter des Arierparagraphen entpuppt. Blasphemie? – Niemand aus dem Publikum wird auch nur entfernt an dieses Wort denken!

Es ist nicht leicht, die "Fabel" wiederzugeben, weil eine zunftgerecht geordnete Handlung gar nicht da ist. "Er", Richter über alle Zeit und alles Leben und zeitweilig Spruchkammervorsitzender in einer unbestimmten Stadt eines unbestimmbaren Jahrhunderts, wird im Laufe der Verhandlung als höchste und letztverantwortliche Instanz beschuldigt, alle Drangsale der Menschheit, von dem feurigen Dreimännerofen des Buches Daniel bis zu den Großanlagen von Auschwitz, von der Zertrümmerung Babels bis zu der von Würzburg und Warschau, geduldet und zugelassen zu haben. "Er" wird von den Betroffenen verurteilt, aus der Körperlosigkeit seiner himmlischen Weltentrücktheit sich in irdisches Fleisch und Blut transferieren zu lassen und jegliche Bitternis und Todesqual seines Geschöpfes Mensch am eigenen Leibe zu erleiden. Und er, der göttliche Spruchkammerrichter Jehova oder Schulze nimmt dieses Urteil an, er legt keine Berufung ein, die sich ohnehin erübrigt. Denn das Urteil wurde bereits zwischen den Jahren 30 und 32 vollstreckt.

Diese Inhaltsangabe ist unvollkommen. Es fehlt darin der undarstellbare ethische Kitt zwischen den Handlungsfugen, es fehlt vor allem die dichte und ungemein gewichtige Figur des Jona, der als moderner Prophet und Chronist plaudernd, ironisierend und aufrüttelnd durch die Geschehnisse geht, sozusagen ein biblischer Conférencier mit einem gerüttelten Maß an tieferer Bedeutung.

Man hat den Dichter Günter Rutenborn, der als Pfarrer irgendwo in der ostzonalen Mark amtiert, für den kommenden deutschen Wilder erklärt; man hat, von anderer Seite, sein Stück als Lesedrama abgetan. Vielleicht ist dieser "Jona" nur ein Einzelfall. Aber dann jedenfalls ein höchst wichtiger und längst fälliger, berufen, einige der Barrieren, die immer noch unsere dramatische Produktion traditionell umzirkeln, einmal niederzureißen und freieren Platz für die Nachkommenden zu schaffen. Und das ist nicht wenig.

Die Kasseler Aufführung fand nicht im Staatstheater statt, das allen Experimenten bisher sorgfältig aus dem Wege ging; sie erfolgte im Saale des Landesmuseums, unter Leitung des früheren Berliner Intendanten Professor Franz Ulbrich. Die Schauspieler, teils vom Staatstheater und vom Kammerspielstudio, teils aus Göttingen, brachten eine sehr beachtenswerte und erstaunlich ausgewogene Ensembleleistung zustande.

Erich Paetzmann