Von Heinz-Joachim Heydorn

Paris, Mitte November

Zur gleichen Zeit, da in Paris die führenden Außenminister der westlichen Welt zusammentrafen, fand in der Salle des Centraux eine Zusammenkunft europäischer Sozialisten statt. 18 Nationen waren vertreten, darunter das Saargebiet mit sechs Delegierten, und fast alle Satellitenstaaten jenseits des Eisernen Vorhangs durch ihre Exilgruppen. Man sah Spanier, Armenier und Bulgaren, Rumänen und Griechen, selbst der jüdische "Bund" – die sozialistische Organisation der jüdischen Arbeiter außerhalb Palästinas – war durch einen Abgesandten vertreten. Der Kongreß galt der Notwendigkeit eines vereinigten Europas. Aber so einfach das Postulat, so erheblich die Schwierigkeiten...

Frankreich und Italien legten offenbar Wert darauf, mit dem größten Schwergewicht vertreten zu sein. Alle Gruppen der sozialdemokratischen Partei waren beteiligt Bei den Italienern beherrschte die Persönlichkeit Ignazio Silones die Delegation. Die Engländer traten dafür sehr viel schwächer in Erscheinung; von 15 englischen Delegierten gehörten nur drei der Labour Party an. Die deutsche SPD hatte zwar eine offiziöse Vertretung abgelehnt, war jedoch am sichtbarsten durch Anna Siemsen vertreten, die während der Generaldebatte sogar den Präsidentensitz innehatte und ebensoviel Charme wie politisches Taktgefühl bewies.

Schon der erste Tag ließ den Gegensatz zwischen Kontinentalen und Angelsachsen erkennbar werden. Hatte der französische Sprecher, André Philip, erklärt, daß jetzt oder nie die Stunde des Handelns gekommen sei, ein neues Europa zu schaffen, so wurde diese Hochstimmung jedoch durch die Engländer um einiges gedämpft: "Wir wollen kein vereinigtes Europa, in dem die englische Wirtschaft im liberalistischen Gefüge des Kontinents aufgeht!" Aber schon erhob sich Spinelli, der Vorsitzende der italienischen Europa-Föderation und erklärte, man würde einen nie wiedergutzumachenden Fehler begehen, wenn man heute der Forderung nach einer europäischen Einigung sich praktisch entziehen wollte. Die Engländer widersprachen zwar nicht der Idee, jedoch der Praxis nach. Was für uns Deutsche, gleicherweise aber auch für Italiener und Franzosen die unausgesprochene Grundlage des Handelns ist, nämlich die Lebenserfahrung einer tausendjährigen gemeinsamen Geschichte, alles dies verwandelte sich nun einmal für viele Engländer lediglich zu einem politischen, wirtschaftlichen oder rein internationalen Problem. Immerhin wurde eine gemeinsame Resolution gefaßt, der auch die Engländer zustimmten. Allgemein nämlich war schließlich die Forderung, daß eine Europa-Regierung über weitgehende wirtschaftliche Kompetenzen verfügen müsse. Der bekannte englische Publizist Brockway sagte uns später, daß wahrscheinlich hundert Labourabgeordnete hinter diese Formel treten würden und damit auch eine Auflockerung der strengen Haltung der offiziellen englischen Politik zu erwarten sei.

Als Silone sprach – lang und schwer und nachdrücklich – wurde plötzlich in dieser Welt der politischen Auseinandersetzungen und Resolutionen ein ganz anderes Problem sichtbar: das Problem der inneren Zweideutigkeit der sozialistischen Idee und der Stellung, die dem menschlichen Individuum in ihr zukommt. Sozialismus ist angewandte Humanität, wo aber bleibt heute der Mensch, der als Ziel alle! Humanität ist? Geht er uns nicht immer mehr verloren, indem nur mehr abstrakte Wesenheiten an seine Stelle treten? Und was haben die Sozialisten schließlich, die doch Träger einer menschlich verbindenden Kraft sein sollten, seit 1945 fertiggebracht? Was Silone sagte, klang nicht ohne Bitterkeit: "Sie haben manches teilweise nationalisiert, aber ihre Idee vollkommen." Hier, so sagte er mir später, liege auch die Aufgabe des geistigen Menschen in unserer Zeit: die wahren und verbindenden Werte wieder vorzuleben. "Es gibt kein Zurück zum Elfenbeinturm."

Silones ernste und von großer persönlicher Wahrhaftigkeit zeugenden Worte verhallten fast angehört; erstaunlicherweise nahmen die Delegierten nur verhältnismäßig wenig Notiz von ihnen. Aber noch am selben Nachmittage nahm Bob Edwards, ein führender englischer Gewerkschaftsmann, dasselbe Problem wieder auf und erklärte mit lauter Stimme: "Wir wollen ein Höchstmaß an Dezentralisation und individueller Mitbeteiligung! Wir wollen nicht, daß der Mensch im Sumpf des Totalitarismus untergeht" Worauf es ankommt" sagte mir kurz darauf ein französischer Freund, "ist eben dieses: den Einzelmenschen aus der systematischen Zerstörung, der er seit der industriellen Revolution ausgesetzt ist, zu retten. Wir müssen die Tendenz des Totalitarismus, die dem Sozialismus neben seiner liberalen und individualistischen Tradition innewohnt, mit Stumpf und Stiel ausrotten!"

Über Deutschland konnte man sich nicht einigen. Die Franzosen glaubten die Zeit für eine bedingungslose Gleichberechtigung noch nicht gekommen. Es kam zu einer erregten Auseinandersetzung, und während die Franzosen noch einmal das ganze Elend und die Erniedrigung des Krieges wachzurufen suchten und darauf hinwiesen, wie wenig Widerstand sich in dieser Jahren in Deutschland gezeigt habe, erhob sich Brockway und formulierte in scharfen Sätzen: "Vergessen Sie dann bitte auch nicht die Ausplünderung der Deutschen durch die Besatzungsmächte seit 1945, vergessen Sie nicht Ihre eigene Verwaltung in Ihrer Zone; ich kenne dieses Nachkriegsdeutschland und habe seit Indien nichts Ähnliches mehr erlebt. Man aß in den Offiziersmessen wie in den besten Tagen, während das Volk auf den Straßen verhungerte." Als Spinelli darauf meinte, man dürfe dennoch die Tatsache nicht übersehen, "daß die Deutschen der Perversion des Nationalismus mehr ausgesetzt sind als andere Völker", erhoben sich boshafte Gegenredner, die ihn fragten, ob er nicht Italiener sei. Bei alledem aber wäre es durch und durch falsch, wenn man von einer grundsätzlichen Reserviertheit der Franzosen in diesem Zusammenhang sprechen wollte. Keine andere Gruppe auf dem Kongreß trug eine so betont europäische und zugleich menschliche Haltung zur Schau. Und was ihr Mißtrauen gegenüber Deutschland betrifft – haben wir es nicht selbst oftmals noch verstärkt, da wir in diesen Dingen nicht immer gerade ein besonders psychologisches Feingefühl entwickeln? Eine Persönlichkeit, die 1947 die Idee eines sozialistischen Europas mit aus der Taufe gehoben hatte, vermißte ich, Claude Bourdet. Ich suchte ihn daher in der Redaktion des Combat dessen Chefredakteur er ist, auf. Er spricht deutsch, er hat es in Buchenwald gelernt: aber das Eindrucksvollste an ihm ist, wie er diese bittere Vergangenheit menschlich längst überwunden hat. "Wir brauchen eine neue und wahre Bewegung unter den Menschen", meinte er, "die Parteien von gestern haben sich längst ihr Todesurteil gesprochen. Es wird noch manche Jahre dauern, vielleicht bleibt uns nur die Ewigkeit."