Fast scheint es so, daß – wie im Falle des Brockhaus-Verlages–eine mehr als hundertjährige Erfahrung notwendig ist, um ein modernes Lexikon herauszugeben. Das Stammhaus in Leipzig ist zerstört, Brockhaus hat sich in Wiesbaden angesiedelt. Und hier legt er nun das Ergebnis des Neuaufbaus vor: den ersten Band des "Kleinen Brockhaus" aus dem man von "A" bis "K" alle wesentlichen Einzelheiten erfahren kann, die, zusammengesetzt, unser modernes Weltbild ergeben. Wenn um die Mitte des kommenden Jahres, wie der Verlag verspricht, der zweite Band erscheint, wird das dann vollständige Lexikon mit insgesamt 5400 Abbildungen und Karten im Text, mit mehr als hundert bunten und einfarbigen Tafelseiten und zweihundert Übersichten und Zeittafeln aufwerten. Der erste Ganzleinenband, der 700 Seiten stark ist, hat alle vielgerühmten Vorzüge früherer Ausgaben: gutes Papier, klaren Druck. So stattlich und gewichtig das Buch also erscheint – es schmeichelt sich dem Leser in die Hand, der es hervornimmt, um rasch etwas nachzuschlagen, und lange verweilt, um zu schmökern. Die Fülle des Stoffes aus allen Wissensgebieten verblüfft, aber verblüffender ist die Kunst der Auswahl, die den neuesten Stand der Forschung jedweden Gebietes mitteilt und ebenso knapp und deutlich jenes Wissensgut formuliert, wie es durch die Jahrhunderte bis zur Gegenwart weiterwirkt. Fahrpläne zu machen – hörte man einmal – sei das schwierigste, denn keine Fahrt solle unnütz und jedes Dorf wolle berücksichtigt sein. So ähnlich schwierig mag es sein, ein Lexikon vom Format des "Kleinen Brockhaus" zusammenzutragen: Keine überflüssige Zeile, doch alles Wichtige fand seinen Platz! Übrigens: Zwischen "Betriebszählung" und "Betrug" (was manchmal dasselbe ist) steht "Betroffener" (mit dem Hinweis auf "Entnazifizierung"). Es erübrigt sich also zu sagen, daß der "Kleine Brockhaus" auch politisch up to date ist. Heuss ist schon Bundespräsident und Adenauer Kanzler. Doch wer Pieck ist, wird man erst im nächsten Jahre aus dem zweiten Band erfahren ... M.