Wenn Winston Churchill am 30. November seinen 75. Geburtstag feiert, werden sicherlich irgendwann an diesem Tage seine Gedanken zurückgehen zu jenem 30. November 1943, an dem sein Geburtstag während der Konferenz von Teheran im Beisein von Stalin, Roosevelt und 33 Marschällen, Generälen, Admirälen und Diplomaten mit einer phantastischen, sehr östlich anmutenden Festlichkeit begangen wurde. Elliot Rooseveit, der Sohn des Präsidenten, schildert in seinen schwatzhaften Memoiren diesen Tag und die Ereignisse des Vorabends, die zu einer höchst kritischen Spannung zwischen Churchill und Stalin geführt hatten. Er beschreibt die champagner-durchströmte und wodka-getränkte Atmosphäre dieses glänzenden Banketts, bei dem Stalin sich gegen Ende erhob, um auf die Erschießung der nationalsozialistischen Kriegsverbrecher zu trinken. "Ich trinke auf unsere Entschlossenheit, sie sofort nach der Gefangennahme durch ein Erschießungsbataillon zu erledigen und •zwar alle, und es müssen ihrer mindestens 50 000 sein." Blitzschnell, so schreibt Elliot Roosevelt, stand Churchill auf, zorngerötet: "Ein solches Vorgehen steht im schroffen Gegensatz zu der britischen Auffassung vom Recht. Das britische Volk wird nie und nimmer einen solchen Massenmord billigen." Churchill war der einzige, der durch den Schleier dieser zynischen Festatmosphäre hindurch die Realität zu spüren vermochte. Elliot Roosevelt, der, genau wie sein Vater, höchst amüsiert auf diesen launigen Scherz des Generalissimus einging und ihn weiterspinnend variierte, bemerkt etwas beleidigt, daß der britische Premier ihn während all der Monate, die er später in London stationiert war, nie wieder eingeladen habe.

Die vollkommene menschliche und politische Souveränität Churchills allen Situationen des Lebens gegenüber und seine große Unabhängigkeit von dem Urteil der Mitmenschen sind sehr bezeichnend für ihn. Freilich, er kann es sich leisten, auf Publicity im alltäglichen Sinne zu verzichten, weil er sich der Überzeugungskraft seiner großen und brillanten rednerischen Begabung bewußt ist. Formale Rücksichten hat er nie geübt und hat die Führer seiner Partei angegriffen, wann immer ihm dies geboten schien, stets bereit, auch ganz allein für das einzustehen, was er für recht hielt.

Sein Debüt im Unterhaus im Jahre 1901, nachdem er fünf abenteuerliche Jahre als Soldat und Zeitungskorrespondent auf allen sich damals irgendwo in der Welt bietenden Kriegsschauplätzen verbracht hatte, war eine Rede, in der er, sehr zum Mißfallen des Hauses, mit Wärme von den tapfer kämpfenden Buren sprach. Und wahrscheinlich hat mancher seiner Landsleute auch mit Mißbilligung gelesen, welche Gedanken ihn am Tage der Kapitulation von 1918 beschäftigten, als er bei Lloyd George in der Downingstreet saß, während die Siegeshymnen durch die Straßen Londons klangen: "Unsere Unterhaltung drehte sich um die großen Eigenschaften des deutschen Volkes, um den furchtbaren Kampf, den es gegen drei Viertel der ganzen Welt bestanden hatte, um die Unmöglichkeit, Europa ohne die Hilfe der Deutschen wieder aufzubauen .. Ich schlug vor, daß wir zunächst alle anderen Angelegenheiten beiseitestellen und unmittelbar ein Dutzend großer Schiffe mit Lebensmitteln nach Hamburg schicken sollten."

"Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß", mit diesen berühmten Worten begrüßte er das Unterhaus in seiner ersten Rede, nachdem er am 10. Mai 1940 Premierminister geworden war – in einem Moment heilloser Verwirrung, als die deutschen Armeen die holländische und belgische Grenze überschritten hatten und Chamberlain eben zurückgetreten war. Er schildert sein Gespräch irrt Chamberlain, das er das bedeutsamste seiner politischen Laufbahn nennt, sehr eingehend und fügt hinzu: "Gewöhnlich pflege ich viel zu reden, diesmal aber schwieg ich." Und der lapidare Satz, mit dem er den soeben in deutscher Übersetzung bei Todt-Hamburg, erschienenen ersten Band seiner Memoiren beschließt und der die entscheidenden Jahre seines Lebens in wenige Zeilen zusammenfaßt, lautet: "So übernahm ich in der .Nacht des 10. Mai in den Anfängen der gewaltigen Schlacht die oberste Macht im Staat, die ich fortan in ständig wachsendem Ausmaß während fünf Jahren des Weltkrieges ausüben sollte und nach deren Ablauf ich, als alle unsere Feinde entweder bedingungslos kapituliert hatten oder schon im Begriff waren, es zu tun, von der britischen Wählerschaft unverzüglich von jeder weiteren Führung ihrer Geschäfte entlassen würde."

Winston Churchill hat die große Fähigkeit, in schwerer Zeit Vertrauen, Hingabe und Begeisterung zu erwecken, nicht mit jenem Stimulus, den Chateaubriand kritisiert, wenn er sagt L’enthousiasme c’est déja le desordre sondern in dem tieferen Sinne rationaler letzter Forderungen. Nichts ist bezeichnender als die Tatsache, daß die Schlacht von Dünkirchen, die für Frankreich die Niederlage bedeutet, in England mit Recht als Sie? gefeiert wird.

Churchill hat, eine besondere. Fähigkeit oft bewiesen: seine seltsame Hellsichtigkeit. Schon 1932 sagte er, daß die Entwicklung der Dinge in Deutschland der deutschen Regierung über den Kopf wachse, und schlug vor, daß einzelne Probleme, wie der polnische Korridor und Danzig, besprochen werden sollten. Immer wieder hat er seine Stimme warnend erhoben gegen die Politik des appeasement und nach München rief er aus "Alles ist zu Ende" und dachte dabei sicherlich nicht nur an die Tschechoslowakei, die "traurig, schweigsam, verlassen und zerbrochen in den Schatten trat". Um so unverständlicher ist die Blindheit, mit der Churchill, die Preisgabe Osteuropas und Nationalchinas an Moskau in Teheran und Jalta mit vorbereiten half, und die leichtfertige Weise, in der er in Moskau die polnischen Grenzen verhandelte, zehn Millionen Deutsche ihrer Heimat beraubte und viele, von ihnen einem qualvollen Tod preisgab. Zu spät, wenn auch als erster, hat er in Fulton das wahre Wesen Moskaus entschleiert und ist als erster nach dem Krieg für ein neues Europa ein getreten.

Erst die Zukunft wird darüber entscheiden, ob Winston Churchill, der Nachfahre des großen Marlborough, in die Geschichte eingehen wird als einer der Totengräber des alten Europas oder als der Baumeister einer neuen westlichen Welt.

Marion Gräfin Dönhoff