So einen Roman liest man nicht alle Tage! Joyce Cary, dessen Buch "Des Pudels Kern" Hans Erich Nossack mit subtilem Feingefühl selbst für verwegen-hintergründige Schnoddrigkeiten übersetzte, ist ganz bestimmt mit einer außergewöhnlichen Phantasie begabt, die höchstens durch einen geradezu tollkühnen Wirklichkeitssinn noch überboten wird. Dieser englische Dichter soll wohlhabend sein, aber er hat – im Ich-Ton – das Leben eines armen Mannes beschrieben und dabei die Wirkung der Armut auf die Seele des von ihr Betroffenen mit einer psychologischen Hellsieht dargestellt, die an Dostojewskij erinnert. Der "Betroffene" ist Künstler, Maler, mehr als 60 Jahre alt. Joyce Gary hat mit ihm gemeinsam, daß er selbst Maler war. Anders wäre die intime Einsicht in die inneren Bedrängnisse des modernen Künstlers ja auch gar nicht zu erklären. Andere beschreiben die Intentionen solch eines Malers, der im Dienst an seiner Kunst alt und grau und skeptisch geworden ist, indem sie sein Leben, sein Tun beschreiben – das ist eine Schilderung von außen her. Cary beschreibt den Kampf um die moderne Kunst von der Seele des Künstlers und also von innen her. Das ist fürwahr ein großes Unternehmen. Denn man begreift, warum der moderne Künstler, mag er auch – wie dieser – mitten im Volke (von London) leben, so einsam ist. Seine Einsamkeit ist schicksalhaft, und spätere Generationen werden’s ihm danken, daß er tapfer blieb.

Joyce Cary leistete aber noch etwas anderes als intime Beschreibung des modernen Künstlers – fast hätte ich gesagt: etwas Größeres. In seinem Roman lächelt, gewittert, ja donnert und blitzt ein abgründiger Humor, den man sonst – den modernen Autoren sei’s geklagt, damit sie sich in humorloser Zeit des Lesers erbarmen! – heute selten, ja überhaupt nicht mehr antrifft. Carys Humor ist lebensweise und tief, skeptisch und gläubig, robust (oh, sehr robust manchmal!) und zugleich zart. Dieser Humor ist der inwendige Sieg dessen, der äußerlich unterliegt. Obwohl der Held des Romanes ein in mancher Hinsicht verstunkener alter Kerl ist (welch andere Romandichter käme schon auf die Idee, sich einen solchen Helden auszusuchen!), werden an seinem Beispiel Gedanken, wie sie heute so gern von dichtenden Existentialisten an jungen Objekten negativ demonstriert werden, ins Positive gekehrt. Es bietet sich also dieses Buch, dessen deutsche Ausgabe dem Wolfgang-Krüger-Verlag, Hamburg, zu danken ist, auch deshalb zur unvergleichlichen Lektüre an, weil es grundehrlich ist und daher – bei allem Skeptizismus – auf den Leser optimistisch wirkt.

Josef Marein