In der von Etatsorgen geschwängerten Frage: "Was bieteich meinem Publikum?" hat die Hamburger Staatsoper den Trick vom Ei des Kolumbus wiederholt: Abends gepflegte, gängige, opulente Opernkost, aber Sonntag vormittags Aufführungen, die sich der Moderne annehmen. Angesichts der zweifachen Bedeutung eines Kulturinstituts – nämlich das Überkommene zu pflegen (das ja zumeist das allgemein Willkommene ist) und zugleich der Kunst der Gegenwart zu dienen (so spröde sie immerhin den meisten scheinen mag) –, angesichts dieser doppelten Aufgabe ist diese Hamburger Praxis deshalb eine Kolumbus-Ei-Lösimg, weil sie so einfach ist. Bewährt sich das Experiment am Sonntagvormittag, hat es überdies Aussicht, die große Zahl der Opernfreunde dann vielleicht auch an den Abenden der Woche zu erfreuen. Diesmal barg das Ei eine besondere Delikatesse: die "Spanische Stunde" von Maurice Ravel.

Dieser Komponist, dessen Musik just auf der Grenze zwischen der schimmernden, konturweichen Welt eines Debussy und der hartkonturierten Moderne steht, hat (im Jahre 1907) ein graziösfreches Sujet des Commedia-del’ Arte-Stils mit eines Partitur versehen, die schon manchen Freund eines raffinierten Ohrenschmauses in Entzücken versetzte. Wie diese Musik schon anhebt: keine Ouvertüre, sondern ein Miniaturgemälde, welches Musikalisch das Bühnenbild nicht so sehr illustriert als vielmehrbelebt! Ein poetischer Spaß in Tönen, komponiert nicht nur fürs Orchester, sondern für tickende Uhren, einen die Stunde ausrufenden – Kuckuck, einen krähenden Automatenhahn und dergleichen märchenhafte Figuren mehr, wie sie der – Phantasie eines Uhrmachers entstammen. Die kleine Oper nämlich spielt in einem Uhrmacherladen, und weil hier die Requisites, ja die ganze Szene eine mehr als passive Bedeutung besitzen, hat der Bühnenbildner Alfred Siercke – auch das ein wohlgelungenes Experiment! – Regie führt: So stampft denn, prächtig bunt anzuschauen, der biedere Mauleseltreiber (Caspar Bröcheler) die Treppe zum Gemach der Uhrmachersfrau hinauf und herab, jedesmal eine Standuhr auf der Schulter: im Gehäuse ist jeweils ein Liebhaber versteckt, ein schmachtender Poet (Heinz-Erich Schanze) oder ein voluminöser, noch im Unglück sympathischer Bankier (Meyer-Bremen). Aber er, der Mauleseltreiberr, der schwerbeladen – und obend/ein mühelos singend – die Treppe auf- und abwärts geht, gewinnt den Preis, nämlich eine Liebesstunde mit des Uhrmachers ebenso treuloser wie charmanter Gattin (Anneliese Rothenberger). Sie war es, die im Kreise vorzüglicher Sänger nicht nur am vorzüglichsten sang, sondern auch am besten die französische Sprache beherrschte. Denn die Oper wurde im Urtext gegeben: diesallerdings ein Experiment, das nicht so gut gelang wie alles übrige. Was graziös gemeint war, klang bisweilen ein wenig verquollen. Nicht so freilich die Musik, die Arthur Grüber auf das exakteste dirigierte: eine Musik, die, obwohl aus impressionistischer Sphäre stammend, wenig Gleitendes, Verschwimmendes hat, sondern mit kräftigen Akzenten und einer oft der strengsten Polyphonie nahen Logik aufwartet. Soweit sich Dissonanzen ballten, wirkten sie wie scharfe Würze eines witzigen Bonmots und wurden von einem Publikum willig genossen, das hell begeistert war. Josef Marein