Von unserem Londoner Korrespondenten

E. G. London, Ende November

Kaum eines anderen Mannes Bild scheint wie das des englischen Außenministers von "der Parteien Haß und Gunst verzerrt" zu sein. Ist Bevin nicht ehrlich überzeugt, auf seine Weise an einer europäischen Einheit und an einer überstaatlichen "atlantischen" Sicherheit zu arbeiten? War er nicht der erste europäische Staatsmann, der Marshalls Plan begriff, noch bevor man in den Vereinigten Staaten recht erkannt hatte, welch hilfreiche Hand man über den Atlantik streckte? War Bevin es nicht, der auf eine westliche Union zur einheitlichen Verteidigung drängte, als viele auf dem Kontinent sich nur angstvoll hinter Wortschilden von europäischer Einheit verbargen? Und wohl auch dies steht fest: Wenn Westdeutschland jetzt einen Demontagestopp für andere als Kriegsindustrien erhält, so war es unter den europäischen Staatsmännern wiederum zuerst Bevin, der im September in Washington seinen amerikanischen und französischen Kollegen einen konkreten Endtermin vorschlug und vor drei Wochen Einladungen nach Paris in einem Ton ergehen ließ, der vor allem vom französichen Gastgeber kein Nein zuließ. Kurzum: Bevin hat – nach allzulangem Zögern in der Vergangenheit – in letzter Zeit mehr dazu beigetragen, das Gespräch mit der neuen Bundesregierung nach erster kurzer "Bewährungsprobe" in Gang zu bringen, als die Öffentlichkeit weiß, und mehr, als er die Öffentlichkeit wissen lassen will. Es gehört zu den ungelösten Rätseln des britischen Charakters, daß es derselbe Ernest Bevin ist, der über den britischen Beitrag zum Demontagestopp Verschwiegenheit bewahrte und nur mit mürrischem Gesicht sich über die Besprechungen auf dem Petersberg äußerste. So hat sein mühsames Ringen um eine "Gerechtigkeit trotz allem" gegenüber Deutschland es in der außenpolitischen Debatte des Unterhauses dem Oppositionsführer Winston Churchill leicht, fast allzuleicht gemacht, ihm, Bevin, die Hauptschuld für die langsame "Demontage der Hauptschuld in die Schuhe zu schieben und andere europäische Instanzen damit weißer zu waschen, als sie es verdienen.

Nicht nur gegenüber Deutschland hält sich die britische Politik im Hintergrund. Seit der – wohl notwendigen – Verschwiegenheit, mit der die Pfundabwertung betrieben und eine britischamerikanische "Wirtschaftsverständigung" angestrebt wurde, wollen die französischen Klagen über britische Zurückgezogenheit in europäischen Entscheidungen nicht verstummen. Viel geht auf die unglückselige "Garantiesucht" mancher französischer Politiker zurück. Sie wollen immer wieder schriftlich und für alle Zeiten bindend festgelegt sehen, was längst ein ruhender Pol in der europäischen Erscheinungen Flucht geworden ist, nämlich die aus der geographischen Nachbarschaft am Kanal entsprungene, für alle denkbaren europäischen Konflikte genügend fest gefügte britisch-französische Allianz der gemeinsamen Interessen. So wird man sich wohl damit abfinden müssen, daß John Bull seine brummige Miene so leicht nicht absetzen wird, wenn er diesem oder jenem "europäischen Quälgeist" wieder einmal einen Wunsch ganz oder teilweise erfüllt.