In den letzten Jahren ist eine ganze Literatur entstanden, die der sogenannten Krise des zwanzigstens Jahrhunderts, wie wir sie seit dem zweiten Weltkrieg vor Augen haben, mit den Mitteln der Soziologie und der Ethik beizukommen trachtet. Daneben steht die eigentlich politische Literatur, die von dem Standpunkt ausgeht, daß die Krisenerscheinungen durch Maßnahmen der Regierungen, namentlich durch eine adäquate Außenpolitik beseitigt werden könnten. Die erste Methode ist vielleicht die tiefere, die zweite verspricht schnellere Ergebnisse. Der Streit um das, was man Primat der Außenpolitik nennt, ist im Grunde die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Auffassungen.

Zu diesem Vorrang der Außenpolitik bekennt sich in seinem Buch "Europa zwischen USA und UdSSR" (Verlagshaus Meisenbach & Co., Bamberg) aufs entschiedenste Gerold von Minden. Allerdings räumt er ein, daß die Außenpolitik eine schwere Kunst ist, die viele Kenntnisse erfordert und in unserer Zeit besonders dadurch kompliziert wird, daß es keine isolierten Probleme mehr gibt. Im Licht dieser Erkenntnis versucht Minden, alle Vorgänge auf einen Generalnenner zu bringen, und zwar auf den geläufigen der Auseinandersetzung zweier großer Kraftzentren: der USA und der UdSSR, deren Machtentfaltung nach dem Kriege das Ende der europäischen Herrschaft über die Erde besiegelt habe. Seiner Meinung nach ist der Vorsprung der beiden Großstaaten an militärischer und politischer Macht, im Falle der USA auch an Produktionskapazität, so groß, daß er mit den bisherigen Mitteln europäischer Politik nicht mehr aufgeholt werden kann. Diese Auffassung, die gewiß viel für sich hat, stützt Minden mit einer sehr brauchbaren Analyse sowohl der amerikanischen wie der sowjetischen Lebensart, die einen großen Teil des Buches ausfüllt, um dann zu dem Ergebnis zu kommen, daß sich Europa als ein unabhängiger Faktor nur behaupten kann, wenn es sich politisch zusammenschließt und gemeinsam mit dem afrikanischen Kontinent eine wirtschaftliche Einheit bildet. Dabei erkennt er den Europa-Rat ab den Kern einer solchen Entwicklung an, die er vor allen den europäischen Sozialdemokraten anvertraut wissen möchte. In die Zukunft der liberalen (und konservativen) Kräfte Europas setzt er wenig Vertrauen.

Im übrigen macht ein gewisser, wohl nicht ganz illusionsfreier Enthusiasmus den Reiz des Buches aus, das anderseits durch den genauen Bericht über die außenpolitischen Vorgänge seit 1945, vor allem über die Entwicklung der amerikanischen Politik von der übertriebensten Konzilianz bis zur härtesten Standfestigkeit gegenüber der Sowjetunion, bedeutenden Orientierungswert besitzt. H. A.

Ein Mann, der in die feldgraue Uniform gekleidet worden war, sich deshalb, wie die anderen Millionen, Kumpel nannte, im Baltikum gefangen und nach Sibirien in ein Kriegsgefangenenlager abgeschoben wurde, hat ein Buch darüber geschrieben. Denkbar einfach and denkbar unliterarisch, nur über die Substanz in bestürzend nackter Kumpelsprache berichtend, ist dieses Buch geschrieben, ja, man müßte eigentlich sagen – gesprochen worden. Keine Katastrophen, keinerlei Spitzenleistungen in Haß oder Sadismus, oder gar Sensationen, sondern ein wie aus Eiskristallen gefügtes Mosaik täglichen und stündlichen kleinen Geschehens. Jedes dieser stündlichen und täglichen Geschehnisse zerrt freilich schmerzhaft an unserm Menschlichkeitsempfinden; ihre Gesamtheit aber, dieses eisige Mosaik, erzeugt Grauen vor dem Grad der Gleichgültigkeit, der absoluten Leere des Empfindens, das lebende, essende, trinkende und genießende Menschen anderen – hungernden, welkenden, sterbenden – Mitmenschen gegenüber beweisen.

"... Wir hassen uns, weil wir auf einer Pritsche zusammen liegen. Jeder wünscht dem andern, daß er bald absacken möge. Wir haben zu enge Tuchfühlung, und das verdirbt den Charakter. Es ist unter den Völkern nicht anders." – Der Nebenmann ist über Nacht gestorben. "He, Kumpel, dein Fraß, rufe ich. Er rührt sich nicht, ist kalt. Ein Teil seines Brotes hinter dem Kopfkeil war schon schimmelig, aber es ließ sich noch genießen. Fünf Rationen. Ich hatte endlich mal wieder das wohlige Gefühl der Sättigung." Und als sich der Dämon Gleichgültigkeit am Abend vor der Entlassung auflöst, sterben drei Kumpel, weil ihnen die plötzlich greifbare "explosive Freude" das Herz zerreißt...

Das Buch "Keine Sonne über Sibirien" von Wilhelm Tölle ist bei Friedrich Trüjen in Bremen erschienen. Es ist ein Dokument, ein sehr starkes Dokument, das in der ganzen Welt gelesen werden sollte. Nur nicht von Deutschen, die Angehörige in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern haben. Oder solche gehabt haben, die nicht mehr zurückkehren können. Dassel