Von Leo Weismantel

Der Verfasser dieses Aufsatzes, Professor Dr. Leo Weismantel, ist ein alter Vorkämpfer des Kunsterziehungsgedankens und wirkt als Leiter des Pädagogischen Institutes in Fulda.

In ihrer Nummer vom 17. November brachte "Die Zeit" unter dem Titel "Werden die Künstler ihre Einsamkeit durchbrechen?" einen Aufsatz von Josef Marein, der schon durch die Fragestellung seines Themas an unser Herz rühren könnte – schon die Überschrift läßt uns eine Tragödie der Menschheit ahnen, die uns still und stumm machen sollte im Lärm der Gegenwart. Waren die Künstler nicht immer einsam? Josef Marein meint nicht jene Einsamkeit, die immer um den Künstler sich lagert und die immer wieder durchbrochen wird durch Stunden eines Glücks, in denen der Künstler diese seine naturgesetzte Einsamkeit für Augenblicke, Stunden, gar Monate und Jahre verlassen darf, bis er wieder hineingeschleudert wird in jene Einsamkeit, aus der allein die Werke der Kunst kommen. Josef Marein meint jene gottverlassene Einsamkeit, in die keine Gnade dringt, sondern nur die Wölfe der Verzweiflung, welche die Gehirne zerreißen, daß der Wahnsinn unabwendbar erscheint. "Es fehlt die Gemeinschaft der Verstehenden heute", sagt er zum Ende und schließt mit den Worten: "Es fehlen die Menschen, die guten Willens sind – sich selber und der Kunst gegenüber. Und in einer götterlosen Welt fehlt Gott."Ich muß an diese Worte mit meinem Bericht anknüpfen. Die Klärungsversuche, Josef Marein schildert – vornehmlich vom Gebiet der Musik her – werden in letzter Zeit nicht nur in Büchern unternommen, die unsere Lage untersuchen. Es sind auch die "Gutmeinenden" da, von denen Josef Marein behauptet, daß sie fehlten. Oder hat er doch recht und fehlen sie wirklich – trotz der Konferenzen und der sich mehrenden Tagungen, in denen diese Fragen erörtert werden, einmal von der Musik, ein andermal von der Literatur ein drittes Mal von der abstrakten Kunst her? Pädagogen und Kultusministerien bemühen sich, zu diskutieren, wie man das Volk "an die Kunst" heranbringen könne. Hier will man also offenbar den umgekehrten Weg versuchen: das Volk soll sich durchschlagen zu den Künsten und den Künstlern, die sich zu weit vorgewagt und jede Verbindung mit dem Volk verlassen haben.

In diesem Sinne mit dem Ausgangspunkt Volk haben wir seit den neunziger Jahren eine "Kunsterziehungsbewegung", die auf Langbehn, den "Rembrandtdeutschen" und Lichtwark zurückgeht. Wenigstens seit deren Auftreten, seit den deutschen Kunsterziehungstagen 1902, 1904, 1906, kennen wir klare pädagogische Strömungen, die auf eine Erweiterung unseres schulischen Bemühens hinzielen: dem durch einseitige intellektuelle Schulung am Geiste krank gewordenen Menschen zur Genesung zu verhelfen, indem man ihn den Künsten entgegenführt. Inzwischen sind zwei Weltkriege über die Erde gerast, und die Kunst ist ein Land geworden, in dem keine Wärme des Herzens mehr zu finden ist. Der kranke Intellekt ist nicht durch eine Begegnung mit den Künsten geheilt worden, er hat vielmehr die Künste in sein Schicksal hineingerissen. Alle Erscheinung geht in Abstraktion über und verliert jegliche Gestalt, oder wo sie Gestalt erhält, behält sie nur Fetzen und Trümmer, die sie zu spukhaften phantastischen Welten des Schreckens zusammenkleistert. Es ist die Kunst, von der Josef Marein sagt: "Es fehlt Gott in einer götterlosen Welt."

Es sind zwei Bücher, die man in Ergänzung zu Josef Mareins bedeutsamem Aufsatz lesen sollte: Das um das Jahr 1921 erschienene und kaum irgendwo noch aufzuspürende Buch "Das Wort und die geistigen Realitäten" von Ferdinand Ebner und das Buch "Verlust der Mitte" des Wiener Kulturhistorikers Sedlmayr (Verlag Otto Müller, Salzburg). In beiden Fällen wird von geistigen Ärzten zu den schweren Erkrankungen des Geistes der Menschheit, wie diese Erkrankung sich in den Künsten offenbart, Stellung genommen und eine Diagnose versucht: die Wurzel des Unheils liegt im Schwund des Religiösen. Im Augenblick, in dem der sprechende Mensch die Wirklichkeit eines Gesprächs verläßt, in dem das "Ich" an das "Du" gebunden ist, in dem Augenblick, in dem der Mensch sich "vom großen Du" seines Schöpfers löst und mit dem Wahngebilde seines erträumten Du, statt mit einer "Wirklichkeit", mit einem fiktiven Gegenüber zu reden anhebt, ist er der Verwirrung und schließlich dem Wahnsinn ausgeliefert. Gottlosigkeit und Wahnsinn, für den Einzelmenschen wie für Völker und die ganze Menschheit, sind unausweichlich miteinander verbunden. Wie in der Welt der Sprache, so auch in jener der Bilder, der Musik, kurz aller Künste. Dies ist es, was Sedlmayr den "Verlust der Mitte" nennt.

Seit nach dem ersten Weltkrieg – schon kurz vor seinem Ausbruch angekündigt – der Expressionismus durchbrach, kennen wir etwa in der bildenden Kunst aus unserem Gegenwartsleben drei Arten von Ausstellungen, die oft miteinander verglichen worden sind: Werke der modernen oder der expressionistischen, der abstrakten oder surrealistischen Kunst –, ihr gegenüber Ausstellungen von künstlerischen "Leistungen" von Kindern und Jugendlichen, wenn man das nun einmal so nennen will (ich verweise auf Richard Otts kürzlich erschienenes Werk über solche Kinderarbeiten unter dem Titel "Urbilder der Seele") und seit Prinzhorns Forschertätigkeit auch Ausstellungen von Bildnereien Geisteskranker. Man hat Gemeinsamkeiten gefunden. Man hat gefunden, daß dem Menschen ein Bildgrund tief in der Seele ruht, aus dem die genialen Künstler schöpfen, der aber auch als Erbe schon bei Kindern durchbrechen kann (wobei immer der Gegensatz zwischen Leistung des Erwachsenen und des Genialen in gewaltiger Spannweite vom "Werk" des Kindes entfernt sein mag, aber es ist "von gleicher Art"), und selbst beim Geistesgestörten scheint dieser Bildgrund noch da zu sein und der Zerstörung zu widerstehen; ja, in der Auflösung, in letzten Zusammenballungen zeigt sich die göttliche Mitgift flackernd noch einmal, ehe das edle Gefäß ganz zerbricht. So hat man diese seltsamen Übereinstimmungen gedeutet. Und die Psychologie sieht ihre Stunde gekommen, uns die Erscheinungen der Künste zu deuten (Winkler: "Psychologie der modernen Kunst"). Wir müssen dabei geneigt sein, auf die Mahnung Josef Mareins zu hören, der da schrieb: "Ach, heute scheint die Psychologie das A und O geworden zu sein! Sie ist ja soviel wie eine Theologie für Weltkinder. Und gefährlich ist sie, wo ihr allein geglaubt wird."

Man sieht all diese Fragen in der Öffentlichkeit heute zumeist "von der Kunst her", wobei man -eben unter Kunst die "moderne Kunst" versteht. Von hier aus ist die Frage verständlich: "Werden die Künstler ihre Einsamkeit durchbrechen?" Bei dieser Frage durchzuckt uns ein Erschauern. Aber müssen wir nicht die Künste und Künstler ihrem Schicksal überlassen, das sie selbst, und selbstüber sich bestimmend wählten? Daß "das Volk" heute "von der Kunst der Gegenwart" getrennt ist, ist eine andere Trennung als jene, die immer da ist. Immer ist eine Trennung da – die einen schreiten voran, und die vielen kommen nicht so rasch nach. Heute ist das nicht so. In dieser – Ablehnung der modernen Kunst ist es anders. Das Volk ist nicht so gleichgültig, wie oft be- – hauptet wird – es fürchtet sich! Es hat Angst, nicht nur, weil die Künste ein Spiegelbild der furchtbaren höllischen Begebenheiten heutiger Menschengeschichte zeigen – sie fürchten sich vor dieser Kunst und ihrer Gottlosigkeit. Wenn Le Corbusier, einer der größten Künstler der Moderne sagt: "Der Kern unserer alten Städte mit ihren Domen und Münstern muß zerschlagen und durch Wolkenkratzer ersetzt werden", so erkennen in solchen Aussprüchen die Volksmassen, im was es geht: um den Widerstreit des Geistes des christlichen Abendlandes mit dem Antichristen. Diese Kunst anerkennt in den Mächten einer ehrfurchtlosen Zerstörung jeglicher Häuser der Ehrfurcht ihre Beauftragten, die Bauplätze für jene Häuser der Zukunft zu schaffen, in denen de Menschen in Zellen "leben", wie die Bienen eingeteilt in Männchen und Weibchen, namenlos, nur noch Nummern, nach den Zwecken des "modernen Staates" benutzt, wie es schon in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Michael Georg Conrad, der Bannerträger des Naturalismus, in seinem prophetischen Buche "In purpurner Finsternis" geweissagt hat. Dies erscheint dem Volk "die neue Zeit", die erkauft werden soll mit dem Verlust alles dessen, was bisher Menschenwürde war. So scheint es vielen. Ich möchte nicht mißverstanden werden –: ich. teile diese Auffassung nicht, aber wer sollte sich – nicht fürchten, ihr zu verfallen und in diesen Strudel hineingerissen zu werden? Es geht bei der Kunst um letzte Entscheidungen der Menschheit. Kein Geringerer als Goethe hat dies "Chaos des Endes" geschildert und von dieser kommenden Epoche, deren Herannahen er ahnte und gegen die er seine Maßnahmen traf, geweissagt: "Diese Epoche kann nicht lange dauern. Das Menschenbedürfnis, durch Weltschicksale aufgeregt, überspringt rückwärts die verständige Leistung, vermischt Priester-, Volks- und Urglauben, klammert sich bald da. bald dort an Überlieferungen, versenkt sich in Geheimnisse, setzt Märchen an Stelle der Poesie und erhebt sie zu Glaubensartikeln. Anstatt verständig zu belehren und ruhig einzuwirken, streut man willkürlich Samen und Unkraut zugleich nach allen Seiten: kein Mittelpunkt, auf den hingeschaut werde, ist mehr gegeben..."